Entwicklung der exekutiven Funktionen bei Kindern
Wie neurowissenschaftliche Kenntnisse Erziehungskräften helfen, die exekutiven Funktionen zu fördern
| Juli 2026
Die ersten Jahre der kindlichen Entwicklung sind besonders faszinierend. In dieser Zeit wächst das Gehirn schneller als zu jedem anderen Zeitpunkt: Jede Sekunde entstehen über eine Million neue Verbindungen. Im Alter von fünf Jahren ist das kindliche Gehirn bereits zu 90% entwickelt. Doch in der frühen Kindheit geht es nicht nur darum, das ABC oder das Binden von Schnürsenkeln zu lernen. Vielmehr sollte der Grundstein für das spätere Lernen, den Aufbau von Beziehungen und die Kontrolle von Emotionen für den Rest des Lebens gelegt werden.
Kenntnisse darüber, was in dieser Zeit im Gehirn vor sich geht, sind daher für Erziehungskräfte kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Bahnbrechende Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft bieten uns Instrumente und Strategien, um die kindliche Entwicklung besser zu unterstützen, besonders im Bereich der exekutiven Funktionen – dem Selbstmanagementsystem des Gehirns, das uns in die Lage versetzt, zu planen, aufmerksam zu bleiben, uns an Anweisungen zu erinnern, Emotionen zu regulieren und uns auf Veränderungen einzustellen.
Um die exekutiven Funktionen bei Kindern zu fördern, müssen wir zunächst drei wichtige Prozesse im Gehirn verstehen, die ihre Entwicklung vorantreiben: Neurogenese, Neuroplastizität und synaptisches „Pruning“ (Beschneiden).
Was sind die exekutiven Funktionen und warum sind sie wichtig?
Die exekutiven Funktionen werden oft mit einem Flugsicherungssystem verglichen. Ebenso wie Fluglotsen für einen sicheren, geordneten Luftverkehr sorgen, verwalten die exekutiven Funktionen im Gehirn Impulse, Aufmerksamkeit, Emotionen und Entscheidungsfindung. Ein robustes System exekutiver Funktionen hilft Kindern, sich abzuwechseln, Ablenkungen zu widerstehen, sich an Regeln zu erinnern, Probleme zu lösen und sich von Rückschlägen zu erholen.
Wenn die exekutiven Funktionen noch in der Entwicklung sind, fällt es Kindern mitunter schwer, abzuwarten, bis sie an der Reihe sind, Anweisungen zu verstehen, die aus mehreren Schritten bestehen, mit Frustration umzugehen oder mit Gleichaltrigen zusammenzuarbeiten. Diese Herausforderungen äußern sich oft als sogenanntes „Fehlverhalten“. Meistens weisen sie jedoch auf mangelnde Fähigkeiten hin, nicht auf Trotz.
Die gute Nachricht? Die exekutiven Funktionen können erlernt, trainiert und gestärkt werden – vor allem, wenn wir wissen, wie das Gehirn diese Fähigkeiten entwickelt.
Neurogenese: das Fundament des Gehirns aufbauen
Neurogenese ist die Geburt neuer Neuronen – der Zellen im Gehirn, die Signale im Nervensystem versenden. Dieser Prozess läuft in der frühen Kindheit besonders schnell ab, vor allem in den Bereichen des Gehirns, die für Lernen, Gedächtnis und Emotionsregulation wichtig sind.
Jede neue Erfahrung – vom Hören einer Geschichte bis zum Spielen auf einem Klettergerüst – bestimmt mit darüber, ob diese neuen Neuronen überleben und sich in die Netzwerke des Gehirns einbetten. Positive, stimulierende Umfelder bieten die bereichernden Erfahrungen, die für eine gesunde Neurogenese notwendig sind.
Was Erziehungskräfte tun können:
- Neugier fördern – durch spielerische, kindgerechte Lernerfahrungen.
- Vielfältige sensorische Erlebnisse bereitstellen – z. B. Musik, Bewegung, taktiles Spiel und Erkundungen im Freien.
- Sprachentwicklung fördern – durch Sprechen, Singen und Vorlesen.
- Sichere Beziehungen aufbauen – damit sich Kinder geborgen, gesehen und unterstützt fühlen.
Wenn pädagogische Fachkräfte Erkundung und emotionale Sicherheit fördern, tragen sie dazu bei, dass neue Gehirnzellen wachsen und Teil der Arbeitsstruktur des Gehirns werden.
Neuroplastizität: das Gehirn durch Erfahrungen formen
Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich infolge von Erfahrungen zu verändern, anzupassen und zu wachsen. Das ist die Superpower des Gehirns. Jedes Mal, wenn ein Kind ein Problem löst, sich nach einem Gefühlsausbruch beruhigt oder sich geduldig in die Warteschlange einreiht, verdrahtet sich das Gehirn neu, um dieselben Aufgaben in Zukunft effizienter zu verwalten.
Die Plastizität ist in der frühen Kindheit am größten, daher ist dies der optimale Zeitraum für die Entwicklung starker mentaler Gewohnheiten und Fähigkeiten. Doch die Neuroplastizität ist ein zweischneidiges Schwert: Während positive Erfahrungen starke, gesunde Verbindungen aufbauen, können negative Erfahrungen (Traumata oder unzuverlässige Betreuung) stressbasierte Muster im Gehirn stärken.
Was Erziehungskräfte tun können:
- Ruhiges Verhalten vorleben – ebenso wie Strategien der Selbstregulation.
- Bemühungen und Ausdauer anerkennen – dies fördert die Wachstumsorientierung.
- Exekutive Funktionen häufig trainieren – durch Spiele und regelmäßige Abläufe.
- Emotionen ko-regulieren – den Kindern helfen, Stress zu bewältigen, bis sie dazu selbstständig in der Lage sind.
Jede Wiederholung ist wichtig. Wiederholte positive, strukturierte Interaktionen stärken die „Muskeln“ der exekutiven Funktionen im Gehirn.
Synaptisches Pruning: Feinabstimmung der Verdrahtung im Gehirn
In der frühen Kindheit produziert das Gehirn einen Überschuss an Synapsen, den Verbindungen zwischen Neuronen. Die Verbindungen, die nicht regelmäßig verwendet werden, werden später durch einen als synaptisches Pruning bekannten Prozess eliminiert. Dieses „Use it or lose it“-Prinzip macht das Gehirn effizienter: Nur die Verbindungen, die gebraucht werden, bleiben erhalten und werden durch Wiederholung gestärkt.
Dieser Eliminationsprozess hilft dem kindlichen Gehirn, effizienter zu arbeiten, wirkungsvoller auf Herausforderungen zu reagieren und die Grundlagen für komplexes Denkvermögen zu legen. Wenn ein Kind jedoch nur begrenzt Zugang zu bereichernden Erfahrungen hat, kann das Gehirn Verbindungen beschneiden, die für wichtige kognitive, soziale oder emotionale Funktionen notwendig sind.
Was Erziehungskräfte tun können:
- Wichtige Routineabläufe täglich wiederholen – dies stärkt das Gedächtnis und die Planungskompetenz.
- Visuelle Pläne und Lernkarten verwenden – so helfen Sie Kindern, Aufgaben vorherzusehen und zu organisieren.
- Begleitetes Spiel – regen Sie die Kinder an, flexibel zu denken, Schritte im Gedächtnis zu behalten und Impulse zu kontrollieren.
- Beruhigende, fokussierende Strategien einführen – z. B. tiefes Atmen, Musik oder Achtsamkeit.
Der Schlüssel zu gesundem Pruning ist Beständigkeit. Jedes Mal, wenn ein Kind eine Kompetenz nutzt, beispielsweise von einer Aktivität zu einer anderen wechselt oder einen Konflikt löst, signalisiert es seinem Gehirn: „Behalte diese Verbindung. Ich brauche sie.“
Der Gruppenraum als Trainingsplatz fürs Gehirn
Um diese drei Prozesse im Gehirn zu maximieren, müssen Gruppenräume bewusst für optimales Lernen und emotionale Sicherheit ausgelegt sein. Die wirkungsvollsten Umgebungen bieten Struktur, Wärme und Möglichkeiten für die Kinder, Risiken einzugehen, Fehler zu machen und es noch einmal zu versuchen.
Beziehungen sind wichtig
Kinder lernen am besten, wenn sie sich sicher und mit ihren Betreuungspersonen verbunden fühlen. Pädagogische Fachkräfte, die starke, vertrauensvolle Beziehungen zu den Kindern aufbauen, mindern die Stressreaktion des Gehirns und öffnen die Tür zum Lernen.
Verhalten ist Kommunikation
Herausforderndes Verhalten ist oft ein Zeichen für unterentwickelte exekutive Funktionen. Indem wir unser Denken von „Disziplin“ zu „Kompetenzentwicklung“ ändern, gehen wir von der Durchsetzung zu Ko-Regulation und Coaching über.
Exekutive Funktionen integriert trainieren
Betten Sie die exekutiven Funktionen in tägliche Abläufe wie das Aufstellen in einer Reihe, die Wahl von Aktivitätsbereichen, das Aufräumen und die spielerische Problemlösung ein. Jeder Augenblick bietet eine Chance, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Selbstkontrolle zu entwickeln.
Häufige Missverständnisse und Veränderung der Denkweise
Neurowissenschaftliche Kenntnisse helfen Erziehungskräften, veraltete Überzeugungen fallenzulassen. Zum Beispiel:
- Mythos: Bestimmte Kinder sind einfach „unartig“ oder „können nicht stillsitzen“.
- Neurowissenschaftliche Wahrheit: Viele herausfordernde Verhaltensweisen basieren nicht auf mutwilligem Ungehorsam, sondern auf der Tatsache, dass die Entwicklung des Gehirns noch nicht abgeschlossen ist.
- Mythos: Manche Kinder haben einfach keine exekutiven Funktionen.
- Neurowissenschaftliche Wahrheit: Exekutive Funktionen sind entwicklungsbedingt und können erlernt, trainiert und verbessert werden.
Wenn Verhaltensweisen als gehirnbasiert betrachtet werden, können pädagogische Fachkräfte ihr Verhalten ändern: Neugier statt Frust, Verständnis statt Reaktion.
Exekutive Funktionen bei Erwachsenen
Nicht nur Kinder brauchen starke exekutive Funktionen für den Erfolg, sondern auch die Erwachsenen, die sie betreuen. Die Fähigkeit von Erziehungskräften, ruhig, organisiert und emotional präsent zu bleiben, wirkt sich direkt auf die Atmosphäre im Gruppenraum und das Lernen der Kinder aus.
Vorbilder sind wichtig. Wenn Erziehungskräfte achtsam sind, ihren Tonfall regulieren, beständigen Routinen folgen und flexibles Denken zeigen, prägen sie aktiv die exekutiven Funktionssysteme der Kinder in ihrem Umfeld.
Investitionen in das Wohlbefinden, die Schulung und die Selbsterkenntnis von Erziehungskräften sind kein nettes Extra, sondern von grundlegender Bedeutung, um gehirnfreundliche Lernumgebungen zu schaffen.
Fazit: Sie sind Gehirnentwickler!
Die Neurowissenschaft sagt uns, dass Fachkräfte in der frühkindlichen Erziehung nicht nur betreuen und pädagogische Konzeptionen umsetzen. Sie sind Gehirnentwickler! Jedes ermutigende Wort, jedes geduldige Vorgehen, jedes Spiel, das das Gedächtnis oder die Aufmerksamkeit herausfordert, jeder Augenblick der Förderung – das alles zählt.
Durch das Verständnis und die Nutzung von Neurogenese, Neuroplastizität und synaptischem Pruning helfen Sie Kindern, starke exekutive Funktionen zu entwickeln, die sie nicht nur zur Vorbereitung auf die Schule brauchen, sondern für lebenslange Resilienz, Empathie und ihren weiteren Erfolg.
Wenn wir in unserer pädagogischen Arbeit das Gehirn berücksichtigen, tun wir viel mehr, als Wissen zu vermitteln – wir fördern Neugier, Kompetenz und den freundlichen Umgang mit anderen.
Quellennachweise und Literaturempfehlungen
CASEL (Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning), undatiert. The CASEL Framework. Abgerufen 2025. https://casel.org.
Center on the Developing Child at Harvard University, undatiert. Center on the Developing Child at Harvard University. Abgerufen 2025. https://developingchild.harvard.edu.
Epstein, Ann S., 2014. Essentials of Active Learning in Preschool. 2. Auflage. Ypsilanti, MI: HighScope Press.
Reflection Sciences, Inc., undatiert. Reflection Sciences. Abgerufen 2025. https://www.reflectionsciences.com.