Was ist ein frühpädagogisches Schema?

Kindliche Verhaltensmuster verstehen

Kinder im Kindergartenalter führen gern Handlungen aus, die bestimmten „Mustern“ folgen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget nannte solche immer wiederkehrenden Verhaltensmuster „Schemata“, die als Grundbausteine menschlichen Wissens verstanden werden können.

Kinder drehen sich z.B. im Kreis, bis ihnen schwindelig wird (Schema „Rotation“), sie türmen immer wieder Dosen aufeinander, bis der Turm in sich zusammenfällt (Schema „Schichten“), zweckentfremden Toilettenpapier, indem sie damit Stühle oder Tische umwickeln (Schema „Einwickeln“), tragen beharrlich Gegenstände von einem Raum in den anderen (Schema „Transportieren“) oder legen, was immer sie finden, in langen Reihen aneinander (Schema „Linien“). Solche Schemata dienen gleichsam als Schablone einer Handlung, die man ohne nachzudenken ausführen kann.

EIn Kindergartenkind legt eine lange Reihe aus Brettern

Die Schema-Theorie fußt auf der Annahme, dass Kinder sich die Welt durch aktives Handeln erschließen und dass dadurch kognitive Strukturen entstehen. Entscheidend für die Entwicklung entsprechender kognitiver und körperlicher Fähigkeiten sind Wiederholung und Übung. Im freien Spiel erkunden die Kinder immer wieder Gelegenheiten, ihre Schemata anzuwenden. Dafür  benötigen sie ihre ganz eigene Zeit. Neue Erfahrungen werden in vorhandene Schemata integriert, die Schemata werden in anderen Kontexten angewendet und dadurch erweitert.

Es lassen sich dynamische Schemata wie beispielsweise Verbinden, Trennen, Umschließen Schichten, Sortieren, Transportieren oder Rotieren von figurativen Schemata wie dem Nachzeichnen oder Beschreiben von Linien, Kreisen oder Punkten unterscheiden.

Ein Kind das Bausteine nach Farben sortiert

Schemata können nicht vermittelt oder gelehrt werden. Jedes Kind entwickelt zu seiner Zeit bestimmte Schemata. Diese zu beobachten und zu erkennen, ist eine wesentliche pädagogische Aufgabe, wobei Zeit für freies Spiel und eine anregende Umgebung notwendige Voraussetzungen sind, damit Kinder ihre Schemata entwickeln, erweitern und koordinieren können. Eine monotone Umgebung und Spielzeug, das nur eine Funktion zulässt, oder Räume, die nicht umgestaltet werden können, regen die Fantasie und die Kreativität der Kinder nicht an.

Attraktiv sind dagegen die einfachen Dinge, Fundstücke, Gebrauchsmaterial. Das können Äste, Blätter, Steine, Erdklumpen, Wattebäusche, leere Dosen oder Toilettenpapier sein, ebenso wie große Pappkisten oder Decken und Tücher zum Verhüllen und Verstecken – alles, was zeitweilig im Gebrauch ist und dann wieder durch etwas anderes ersetzt werden kann.

Wie eine pädagogische Fachkraft Schemata erkennen und die Wahrnehmung von Ähnlichkeiten in der Form unterstützen kann, zeigt folgendes Fallbeispiel aus einer Kindertagesstätte: Ein Mädchen fordert den Erzieher auf, sich anzusehen, wie sie einen Buntstift kreisförmig hin und her schwenkt. Der Erzieher drückt sein Interesse aus, indem er auf die Drehbewegung hinweist: „Du lässt den Stift kreisen. Er rotiert richtig.“ Kurz darauf zeigt ihm das Mädchen im Bilderbuch einen Zementmischer und der Erzieher kommentiert: „Da hast du wieder etwas gefunden, das rotiert. Kannst du dir noch andere Dinge vorstellen, die rotieren?“ „Ja, einen Mixer.“

Solche und ähnliche Verhaltensmuster zeigen sich im Spiel, wie etwa das „Transportieren“, wenn ein Kind immer wieder neue Möglichkeiten entdeckt, Dinge in den Kindergarten zu tragen, was für Eltern und Erzieher/innen möglicherweise störend ist.

Zwei Mädchen tragen eine kleine Holzkiste

Mithilfe von Schemata-Beobachtungen kann das kindliche Tun in einem anderen Licht erscheinen, was gerade auch für Eltern eine andere Perspektive auf ihr Kind eröffnet. Was vorher als störend und ärgerlich empfunden wurde – Stühle werden z.B. mit Seilen verbunden, Bestecke nach Form und Größe sortiert oder in Reihen aneinandergelegt – erhält neuen Sinn und Bedeutung. Es geht um elementare Lern- und Bildungserfahrungen des Kindes.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung der sehr umfangreichen Darstellung dieser Thematik auf www.socialnet.de/lexikon/Schemata-Fruehpaedagogik. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.


Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller ist Honorarprofessorin an der Universität Halle-Wittenberg, Diplompädagogin, derzeit tätig als Organisationsberaterin, Evaluatorin, und Weiterbildnerin. Bis Juli 2017 war sie Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin, davor tätig als Leiterin des Amtes für Soziale Dienste Ost und Jugendamtsleiterin in Bremen, Leiterin des Bereichs Familie im Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft in Hannover und Lehrerin an Grund- und Hauptschulen mit dem Schwerpunkt Kunsterziehung.