Die Holzwerkstatt im Kindergarten

Eine wertvoller Beitrag zur kindlichen Entwicklung

Warum mit Holz arbeiten?

Es ist heute wichtiger denn je, dass die nächste Generation kreatives Denken lernt und ihre Fähigkeiten zur Problemlösung weiterentwickelt. Beim Arbeiten mit Holz werden solche Fähigkeiten geübt, denn die Kinder können ihre eigenen Entscheidungen treffen und durch Ausprobieren lernen. Holzarbeiten fördern kreatives Denken und Fantasie – Eigenschaften, die in unserer veränderlichen Welt mindestens ebenso wichtig sind wie die erworbenen praktischen Fertigkeiten. Arbeiten mit Holz umfasst alle Aspekte des Lernens und der Entwicklung, fördert mathematisches und wissenschaftliches Denken, körperliche Koordination sowie Sprache und Wortschatz, so dass Sie es zu einem Kernelement Ihrer pädagogischen Konzeption machen können. Gleich zu Beginn werden die Kinder im sicheren Gebrauch des Werkzeugs unterwiesen und erhalten die Gelegenheit, den richtigen Einsatz verschiedener Techniken auszuprobieren. Sobald sie darin sicherer werden, steigern die Freude und der Stolz ihr Selbstvertrauen sichtbar. Die Lernfortschritte richten sich nach dem individuellen Tempo des Kindes. Sobald das Kind die Grundtechniken beherrscht, kann es grenzenlose Entdeckungen machen und unverwechselbare Werke schaffen. Jetzt können sein kreatives Denken und seine Fähigkeiten zur Problemlösung aufblühen, wenn es auf Hindernisse stößt und sie eigenständig bewältigt.

Ein Mädchen sägt und 2 Kinder schauen zu

Wer schon einmal erlebt hat, wie kleine Kinder mit Werkzeugen hantieren, weiß, wie lange sie sich damit konzentriert beschäftigen können. Und es ist in der Tat nicht ungewöhnlich, dass Kinder den ganzen Vormittag an der Werkbank verbringen. Bei der Holzarbeit sind Hände, Herz und Verstand im Einsatz. Der Geruch und die Textur des Holzes, die Geräusche des Hämmerns und Sägens; der Einsatz von Muskelkraft und Koordination, das Wissen, echte Werkzeuge in der Hand zu halten, die Möglichkeit, mit natürlichen Materialien zu arbeiten und die tiefe Konzentration: all dies wirkt zusammen, um kleine Kinder zu faszinieren und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

„Arbeiten mit Holz ist aktives Lernen vom Feinsten!“

Prof. Tina Bruce, Universität Roehampton

Derzeit gibt es weltweit ein wachsendes Interesse daran, Holzarbeiten im Bildungsbereich anzubieten. In immer mehr Kitas ist das Klopfen der Hämmer und das Sägen von Holz zu hören. Das erneute Interesse an Holzarbeiten ist zum Teil eine Reaktion auf unsere zunehmend digitalisierte Welt, in der Kinder lernen, über Bildschirme zu wischen, bevor sie laufen können. Sie sind von komplexer Technologie umgeben, aber dies hat ihre Erfahrung mit grundlegenden Technologien eingeschränkt und ihnen viele Möglichkeiten genommen, durch Beobachtung zu lernen und Abläufe zu verstehen. Die Arbeit mit Holz lädt Kinder dazu ein, die sie umgebende materielle Welt mit richtigen Werkzeugen und echten Materialien zu erkunden, und bietet ihnen eine solide Grundlage, um ihre Kreativität zu entwickeln.

Glücklicherweise hinterlässt die Arbeit mit Werkzeugen eine tiefe Erinnerung – selbst wenn ihre einzige Erfahrung mit Holzarbeiten im frühen Kindesalter liegt, wird sie einen lang anhaltenden Eindruck hinterlassen.

„Wenn Kinder mit Holz arbeiten, lernen sie Fähigkeiten, die sie befähigen, ihre Welt zu gestalten“

Peter Moorhouse, Kunsterzieher, Kita St. Werburgh’s Park

Lernen und Entwicklung

Wenn wir analysieren, wie Kinder mit Holz arbeiten, ist es erstaunlich zu sehen, dass es alle Lern- und Entwicklungsbereiche umfasst und sie miteinander verknüpft. Es umfasst alle Merkmale effektiven Lernens, fördert die Selbstbewusstheit und Kreativität der Kinder und entfacht eine Leidenschaft für lebenslanges Lernen.

Persönliche, soziale und emotionale Entwicklung

Wenn Kindern mit Respekt und Vertrauen begegnet wird, fühlen sie sich ermutigt. Beim Arbeiten mit echtem Werkzeug entwickeln sie Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl. Sie lernen, neue Werkzeuge und Techniken zu beherrschen, und freuen sich, dass sie immer schwierigere Aufgaben meistern können. Dies vermittelt den Kindern Selbstvertrauen, ein starkes Bewusstsein von Selbstwirksamkeit und eine proaktive Einstellung, zusammen mit dem Empfinden, dass sie die Welt, in der sie leben, mitgestalten können.

Junge in gestreiftem Hemd, der eine Schraube dreht

Wenn Kinder bei der Sache bleiben, verlängert sich ihre Aufmerksamkeitsspanne. Die Konzentration wird auf zwei Ebenen gefördert: Zuerst müssen sich die Kinder aufgrund der Beschaffenheit der Werkzeuge konzentrieren, und anschließend lösen sie komplexe Probleme, weil sie ihr Wunschprojekt unbedingt in die Tat umsetzen wollen.

Wenn die Kinder ein Projekt gemeinsam besprechen und planen, entwickeln sich ihre sozialen Fähigkeiten weiter. Sie lernen, wie wichtig es ist, Ideen weiterzugeben und von anderen zu lernen.

„Beim Werken mit Holz erleben die Kinder ein echtes Erfolgsgefühl: ‚Ja! Ich kann das!‘ Mit der Erfahrung wachsen die Fertigkeiten und das Wissen, was wiederum das Verständnis fördert: ein positiver Kreislauf. Die Eltern sehen glückliche Kinder, was das gesamte Ethos des positiven Denkens und der Förderung weiter bestärkt.“

Terry Gould, Early Years Consultancy Ltd, Ehemaliger Ofsted-Evaluator

Körperliche Entwicklung

Die Hand-Augen-Koordination ist eine Grundvoraussetzung für die Holzbearbeitung, und Kinder gewinnen zunehmend Kontrolle über ihren Körper, wenn sie Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit, handwerkliche Fähigkeiten und Muskelkraft entwickeln. Holzbearbeitung umfasst Feinmotorik (Halten eines Nagels, Drehen einer Schraube) und Grobmotorik (Hämmern, Sägen). Kinder entwickeln Kraft, wenn sie ziehen und schieben (beim Sägen und Feilen), drehen (bei der Verwendung von Schraubenziehern, Handbohrern, Schraubenschlüsseln oder Schraubstöcken), hebeln (mit einem Klauenhammer oder japanischem Nageleisen) und reiben (mit Schleifpapier). Die Erfahrungen beim Arbeiten mit Werkzeug werden zum Bestandteil des motorischen „Vokabulars“ der Kinder. Ebenso lernen die Kinder, auf sich aufzupassen, zum Beispiel indem sie ihre Augen mit einer Schutzbrille schützen.

Kommunikation und Sprache

Im Holzarbeitsbereich kommen Erwachsene und Kinder ganz natürlich miteinander ins Gespräch. Da sich Holz in unzähligen Weisen verwenden lässt, werden die verschiedenen Möglichkeiten ausführlich erörtert. Die kindliche Sprache des Denkens entwickelt sich durch Erfahrungen weiter. Während der Planung des Projekts bringen die Kinder ihre Ideen zum Ausdruck; die Besprechung und Änderung der Pläne finden in Form von Dialogen statt. Von den Erwachsenen lernen die Kinder neue Wörter, mit denen sie ihre Arbeit genauer erklären können. Den Umgang mit neuen Werkzeugen zu erlernen erhöht die Aufmerksamkeit: Die Kinder lernen, genau zuzuhören, um die Anweisungen zu verstehen.

Mathematik

Der Umgang mit Zahlen ist ein grundlegender Bestandteil von Holzarbeit. Die Kinder messen Holzstücke und lernen Formen und Gewichte kennen. Durch den Bau von dreidimensionalen Gebilden entwickelt sich ihr Raumgefühl weiter. Den Erwachsenen bietet sich eine Fülle von Möglichkeiten, die mathematischen Kenntnisse der Kinder zu erweitern: Sie können sie zum Beispiel schätzen lassen, welcher Nagel jeweils die beste Länge hat oder wie lang das Holzstück für den beabsichtigten Zweck sein muss. Viele mathematische Konzepte hängen miteinander zusammen, z. B. Abgleichen mit Zuordnen, Zählen mit Messen, Vergleichen mit Gewichten und Größen. Für Kinder ist es faszinierend, durch Zählen der Jahresringe eines Holzquerschnitts das Alter eines Baums zu berechnen. Sie sollten in Ihrem Holzbearbeitungsbereich unbedingt eine breite Palette an mathematischen Messgeräten (Lineale, Maßbänder, Geodreiecke, Wasserwaagen) bereitstellen.

Junge mit rechtem Winkel und Bleistift

Verstehen der Welt

Mit Bäumen und Holz vertraut zu werden ist Bestandteil der Erarbeitung eines Verständnisses für die Welt. Bäume sind für das Leben auf unserem Planeten unverzichtbar; und Kinder fasziniert es zu lernen, welche verschiedenen Arten es gibt und wo bzw. wie sie wachsen. Selbst kleinere Kinder beginnen zu verstehen, wie alles miteinander zusammenhängt und wir zum Leben darauf angewiesen sind, dass Bäume und andere Pflanzen Sauerstoff in die Atmosphäre abgeben. Nach Möglichkeit sollten die Kinder auf einem Waldausflug die Gelegenheit erhalten, die Stämme, Äste, Blätter und Wurzeln von Bäumen zu untersuchen. Einen Baum zu pflanzen ist ein positives Erlebnis. Der Lernprozess kann auf unterschiedlichste Weise fortgesetzt werden, zum Beispiel indem man sich Blätter auf einem Leuchtpult ansieht, die verschiedenen Blattrippen untersucht, mit Blättern Drucke erstellt und etwas über in Bäumen lebende Tiere lernt. Reden Sie mit den Kindern über Holz: was es ist, wo es herkommt und wie es verwendet wird. Untersuchen Sie Holz als Material. Welche Eigenschaften weist es auf? Es schwimmt, es brennt, es erzeugt beim Sägen Sägemehl, es wird beim Reiben heiß. Bei der Untersuchung lassen sich auch verwandte Bereiche erschließen: Mit Holzkohle zum Beispiel kann man zeichnen.

Künstlerischer Ausdruck und Design

Der größte Wert der Holzarbeit liegt in ihrem Nutzen für die Kreativität des Kindes. Bei ihrer Arbeit werden Kinder zu Designern, Architekten und Künstlern. Deshalb vermeide ich es, alle Kinder z. B. einen Vogelkasten bauen zu lassen, sondern ermutige sie vielmehr dazu, das zu bauen, was sie am meisten interessiert. Dadurch sind sie begeistert und hoch motiviert und produzieren eine unglaubliche Vielfalt von Werken – von Igeln und fliegenden Laternenmasten bis hin zu Überschallhubschraubern.

Kreatives Denken ist eine Fähigkeit, die man fürs ganze Leben erwirbt, die sämtliche Bereiche des Lernens umfasst und erweitert. Es wird Kindern helfen, innovative Ideen zu entwickeln, und sich darauf auswirken, wie sie auf Chancen und Probleme reagieren, wie sie in der Zukunft Alternativen erkennen und Möglichkeiten bewerten.

Mädchen in lila Kleid beim Hämmern

„Holzarbeiten sind ein wertvolles Instrument zur Weiterentwicklung des kreativen und kritischen Denkens des Kindes. Den Kindern bieten sich unzählige Gelegenheiten, um komplexe Probleme zu lösen und ihrer grenzenlosen Fantasie Ausdruck zu verleihen.“

Liz Jenkins, ehem. Leiterin und Ofsted-Evaluatorin, Kita St. Werburgh’s Park

Lese- und Schreibkompetenz

Bei Lese- und Schreibkompetenz geht es darum, Gedanken zu Papier zu bringen. Bei der Holzarbeit drücken die Kinder ihre Ideen durch das Schaffen von Objekten aus, und legen dabei das geistige Fundament, sich später durch das abstraktere Medium des geschriebenen Wortes auszudrücken. Es gibt auch viel Spielraum für erste Schreibversuche, sowohl auf dem Holz selbst, als auch auf Papier bei der Entwicklung von Design-Ideen oder für die abschließende Präsentation ihrer Arbeit. Viele gute Kinderbücher und -geschichten handeln von Holz, Tischlern und Wäldern und können mit dem Holzarbeitsbereich verbunden werden.

Fazit

Es wäre wunderbar, wenn jedes Kind die Chance haben könnte, mit Holz zu arbeiten. Für mich als Erzieher ist es eine Freude, Kinder so konzentriert bei einer Tätigkeit zu sehen, und ihr wachsendes Selbstvertrauen, ihre Beharrlichkeit trotz aller Herausforderungen sowie ihr Durchhaltevermögen angesichts von Fehlschlägen zu beobachten. Es ist eine Freude, ihrer Kreativität zuzuschauen, zu beobachten, wie sie Probleme lösen und wie stolz sie auf ihre Errungenschaften sind. Das gibt mir immer wieder Auftrieb.

Wenn Kinder mit Holz konstruieren, lernen sie Fähigkeiten, die sie befähigen, ihre Welt zu gestalten. Lassen Sie uns allen Kindern diese wertvolle Chance bieten.

Pete Moorhouse mit 3 Kindern an der Werkbank

Dieser Artikel ist aus unserem kostenlosen Themenheft Holzarbeiten in der Kita zusammengestellt.


Peter Moorhouse ist Kreativberater und Kunstpädagoge im Bereich Frühpädagogik. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung an Bildungseinrichtungen und ist derzeit Kunsterzieher der Kita St. Werburgh’s Park in Bristol, England. Inspiriert wird seine Arbeit durch seine Besuche in Reggio Emilia und Keilhau sowie durch seine eingehende Beschäftigung mit der Reggio-Pädagogik und den Fröbelschen Grundsätzen. Peter Moorhouse ist Autor mehrerer Bücher, einschließlich Learning through Woodwork: Introducing Creative Woodwork in the Early Years (Routledge, 2018) und hat viele Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht.

Er ist Honorary Research Fellow an der University of Bristol, wo er über kreatives und kritisches Denken forscht, und Churchill-Stipendiat. Er ist eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der frühpädagogischen Arbeit mit Holz und Vorsitzender der Early Childhood Woodwork Association. Peter Moorhouse koordiniert das „Big Bang Project“, das Holzarbeiten weltweit fördert. Weiterhin ist er Trainer für Early Education, dem britischen Verband für Frühpädagogik, bietet in aller Welt Fortbildungen und Workshops an und ist als Vortragsredner auf Konferenzen aktiv.

Wenn Sie sich für Schulungen interessieren, können Sie unter studio@petemoorhouse.co.uk oder auf seiner Website irresistible-learning.co.uk Kontakt mit Peter Moorhouse aufnehmen.