Video

Lernen durch Spielen

mit Ursula Günster-Schöning

Ursula Günster-Schöning erläutert, weshalb freies Spiel eine zentrale Grundlage frühkindlicher Bildung ist. Beim selbstständigen Entdecken, Ausprobieren und gemeinsamen Handeln entwickeln Kinder Kreativität, Sprache, Bewegung, soziale Fähigkeiten und Selbstvertrauen. Pädagogische Fachkräfte schaffen dafür anregende Räume, stellen geeignete Materialien bereit und begleiten die Kinder aufmerksam, ohne ihr Spiel unnötig zu lenken. So entstehen nachhaltige Lernprozesse aus eigener Erfahrung.

Dieses Video ist nicht verfügbar

Bitte lassen Sie Statistik-Cookies zu, um dieses Video zu sehen.

Freies Spiel als Motor für Lernen und Entwicklung

Was hat das freie Spiel mit Risikobereitschaft zu tun? Mit der Förderung des sozialen Verhaltens, der Bewegung oder gar der Sprache? Wenn wir die frühkindliche Bildung so verstehen, dass ihr Hauptziel ist, die Entdecker- und Lernfreude des Kindes zu fördern, dann ist es wichtig, dass wir den Kindern ermöglichen, frei und lustvoll zu spielen. Deswegen sollte freies Spiel auch immer so gestaltet sein, dass die pädagogische Fachkraft wahrnehmend beobachtet. Schaut, ob alle Kinder auch gut in das Spiel kommen, ob jedes Kind sozusagen satt wird, weil genug und gutes Material vorhanden ist, oder ob sie vielleicht auch bei einem Kind einen Impuls geben muss, vielleicht mitspielen muss, vielleicht auch Spiel anleiten muss, damit das Kind danach aber wieder eigenverantwortlich spielen kann.

Und freies Spiel ist auch immer ohne Zwang, ohne ein Muss. Also nicht, ich will jetzt dadurch was erreichen, sondern eher als etwas, wo das Kind ganz bei sich sein kann, ganz aus sich selbst heraus interagieren kann. Eventuell mit anderen Kindern oder auch mit sich selbst alleine und somit in die Selbstwirksamkeit kommt und damit auch in gute eigene Lern- und Bildungsprozesse.

Erfahrungslernen, Kreativität und kognitive Entwicklung

Wenn wir freies Spiel benutzen oder verstehen als der Motor zum Lernen, dann ist es wichtig, dass Kinder Erfahrungen machen von schlichter Kausalität nach dem Motto: wenn, dann. Also, ich bin der Verursacher. Wenn ich das mache, dann passiert das. Und das setzt schon die kognitiven Lernprozesse in Gang.

Und deswegen ist Freispiel auch immer experimentelles Tun der Kinder. Und da es ja lustvoll und aus dem Kind heraus, also intrinsisch motiviert passiert, ist es für dieses Kind auch immer Erfahrungslernen, nach dem Motto: Selbst gemachte Erfahrungen aus erster Hand.

Kreativität und kognitive Entwicklung gehen für mich Hand in Hand. Kreativität ist auch ein bisschen wie ein Muskel, der trainiert werden muss. Also ich muss selber Lösungen finden. Durch das Experimentieren, durch das Ausprobieren stelle ich fest: wenn, dann.

  • Wenn ich das mache, passiert das – ein Lernprozess.
  • Das kann ich vielleicht auf eine andere Situation übertragen, die ähnlich ist.

Und deswegen geht immer der Problemlösung, dem kognitiven Denken, das Erfahrungslernen vorweg. Und deswegen sind wir wieder beim freien Spiel, weil die Kinder ganz viele unterschiedliche Spielerfahrungen machen müssen, um nachher in der Lage zu sein, wenn sie eine Aufgabe bekommen, diese selbstständig zu lösen, also eigene Ideen zu entwickeln. Und somit unterstützt eigentlich jegliches freies Spielen auch immer die kognitive Entwicklung des Kindes.

Die Rolle der pädagogischen Fachkraft

Wenn ich die Kreativität eines Kindes fördern möchte, muss ich als pädagogische Fachkraft in der Lage sein, genau zu wissen,

  • wann muss ich mich einbringen, und
  • wann muss ich mich wegnehmen?

Also eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz. Und je nachdem, wie alt das Kind ist, was es für Erfahrungen gemacht hat, ist es meine Aufgabe, wieder zu gucken: Wo muss ich vielleicht unterstützen oder anregen, indem ich mitbaue oder mitbastele oder mitspiele?

Und wo kann ich auch sagen als Fachkraft: Hm, das ist gut im Flow, das Kind. Das ist ganz gut bei sich. Es kommt ganz Kreativ ins Tun. Und dafür muss ich dann lediglich gute Materialien zur Verfügung stellen, damit das auch gelingen kann.

Soziale Erfahrungen und gemeinsames Problemlösen

Wenn wir wollen, dass Kinder prosozial aktiv werden, ist es gut, wenn sie verschiedene Spielpartner haben.

Das heißt also, wenn wir in unseren Gruppen, wo ja viele heterogene Kinder zusammenkommen, weil sie sich im Alter unterscheiden und auch im Entwicklungsstand, eigentlich das freie Spiel der beste Lernort ist, um soziale Erfahrungen zu machen. Kinder müssen aushalten, abzuwarten; aushalten, zu teilen.

Sie müssen sich vielleicht zurücknehmen. Also, die Inhibition, die Verhaltensregulation üben, weil jetzt vielleicht erst ein anderes Kind dran ist. Sie müssen Hilfe geben, aber auch Hilfe annehmen. Sie müssen Absprachen treffen. Sie müssen vielleicht einen Verbündeten finden, der mithilft, etwas zu bauen.

Sie müssen sich aber vorher auch arrangieren. Was wollen wir denn gemeinsam bauen? Wir sind hier zu dritt auf dem Bauplatz. Sie müssen Ideen entwickeln, usw. usw. Das heißt das Spiel ist eigentlich der ideale Platz, um soziale Erfahrungen zu machen und vor allen Dingen zu lernen, in einer kleinen Gemeinschaft aktiv zu werden, Ideen zu entwickeln und auch Probleme gemeinsam zu lösen.

Sprachentwicklung im freien Spiel

Auch die Sprache ist so ein wichtiger Baustein, wenn es um das freie Spiel geht. Alleine wenn ein Kind eine Auswahl trifft an Spielmaterial, es sieht alles, was da ist. Im Kopf fängt es schon an, innere Monologe zu führen: Möchte ich lieber mit dem Baustein spielen? Das sieht aber auch interessant aus!

Vielleicht dreht es sich sogar um und spricht ein anderes Kind an, das heißt, es nimmt Kontakt auf. Über das Spiel und die Spielprozesse kann ich aber auch im Grunde erleben, wie Kinder ihre eigene Sprache fördern. Oder indem ich zum Beispiel als pädagogische Fachkraft selber mitspiele und kreativ werde. Ich gehe hin und mache handlungsbegleitendes Sprechen. Ja, und ich gehe in den Spieldialog und das Kind beobachtet mein Tun. Gleichsam überlegt es selber mit und wird so auch animiert, vielleicht dann selbst ein Auto zu nehmen und die gleiche Spielhandlung nachzuspielen oder die Spielhandlung von mir zu ergänzen.

Und so fördere ich natürlich auch die Sprache der Kinder. Und dadurch, dass das Kind mit mir in Interaktion geht, wird es selbst herausgefordert, auch selber zu sprechen, kleine Geschichten zu erzählen. Und wenn ich als Fachkraft auch nicht mitspiele, kann ich wiederum beobachten und sehen: Wie interagieren die Kinder miteinander?

Und selbst wenn ein Kind ganz alleine spielt für sich, kann man beobachten, dass Kinder ganz häufig, wenn sie spielen, mit sich selbst Monologe führen. Ja, dass sie sozusagen zu sich selber sprechen, was sie gerade tun. Und auch das wird wieder motiviert und gefördert durch eine gute Raumstruktur. Indem ich weiß, da kann ich in den Rollenspielbereich gehen, da in den Baubereich und da kann ich vielleicht malen und auch ein Malplatz, den ich gestalte, lädt sie dazu ein, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen. Weil ich auf das Bild schaue von dem anderen: Was malst du denn gerade? Ach guck mal, ich habe das auch gemalt! Und so ist eigentlich jedes Tun im freien Spiel ein indirekter oder aber auch ein unbewusster oder auch gar geförderter Sprachdialog.

Bewegung, Körpererfahrung und Raumwahrnehmung

Wenn wir Räume für Kinder schaffen, die sie einladen, aktiv zu werden, weil wir zum Beispiel kleine Raum-in-Raum-Landschaften ihnen zur Verfügung stellen, weil wir aber auch bewegungsfreundliche Räume gestalten, laden wir Kinder ein, den eigenen Körper zu erproben. Und natürlich auch der Bewegungsbereich, in dem wir ihnen auch zumuten, ein bisschen sich auszuprobieren mit dem Körper. Und alleine auch schon im Raum immer wieder geschickt damit umgehen zu müssen, um nirgendwo anzustoßen, gut mit den anderen Kindern zu interagieren – und somit ist im Grunde das Freispiel, als aber auch natürlich das Außengelände oder der Bewegungsbereich in der Turnhalle, ein ganz, ganz wichtiger Motor für Entwicklung. So machen Kinder ganz, ganz viel Körpererfahrung, die sie dann nachher zum Beispiel auch im mathematischen Bereich nutzen müssen.

50% unserer Buchstaben unterscheiden sich nur durch ihre Lage im Raum. Das heißt, ist der Buchstabe oben auf der Linie oder darunter und ist zum Beispiel ein Teil des Buchstaben rechts oder links angeordnet? Das heißt, ich muss über meinen eigenen Körper erstmal ganz viele Raumerfahrungen machen, um darin überhaupt einen Sinn zu erkennen und dieses Graphem, also das Zeichen, dann auch entsprechend schreiben zu können. Und das ist eigentlich das, dass der Körper am Anfang und auch während der gesamten Kleinkindzeit bis hin in die in die Grundschulzeit ein ganz, ganz wichtiger Helfer im Lernprozess ist.

Bewegung als Grundlage mathematischen Lernens

Wichtig wäre für mich auch, dass wir immer daran denken, die Kita soll ein Raum sein, in dem Kinder sich lustvoll bewegen können, weil Bewegung der Motor ist für Lernen. Ein Beispiel aus der Mathematik:

  • Wenn die Kinder zum Beispiel hintereinander her laufen, sie fassen sich an den Schultern, bilden eine lange Reihe.
  • Sie erleben mit dem eigenen Körper – Da geht mir jemand voran und hey, auf meiner Schulter ist jemand, der hat sich dran festgehalten, der geht mir hinterher!

Und diese körperliche Erfahrung des Vorgängers und Nachfolgers übertragen Kinder nachher im mathematischen Bereich.

  • Was ist der Vorgänger von fünf?
  • Was ist der Nachfolger von sieben?

Ich muss mir eine Zahlenreihe vorstellen. Und das kann ich nur dann gut tun, wenn ich selber mal Teil einer Reihe war und weiß, was es bedeutet, vorwegzugehen, hinterher zu folgen, ein Teil zu sein. Aber wenn erst die Basis nicht da ist, also dass ich sage im Kindergarten, kein Kind darf hier sich gut kreativ bewegen, dann nehme ich ihnen auch ganz viel Erfahrungslernen weg.

Und so hängt immer das Spielen und das sinnliche Erleben mit dem eigenen Körper ganz eng auch damit zusammen, dass kognitive Prozesse, die nachher nur noch auf geistiger Ebene stattfinden, also Vorstellungskraft, erst das Erfahrungslernen brauchen. Da sind wir wieder bei einem freien Spiel. Und da schließt sich auch der Kreis, weil Kinder genau im freien Spiel das trainieren, üben und für sich ausprobieren.

Risikobereitschaft, Ermutigung und Selbstvertrauen

Wenn wir Kinder im freien Spiel beobachten, – erleben, wie sie mit anderen Kindern in Aktion treten, ihren eigenen Körper herausfordern und auch ausprobieren – dann kann man manchmal beobachten, dass es Kinder gibt, die sich viel zutrauen und Kinder, die sich eher wenig zutrauen.

Und gerade unser Auftrag als pädagogische Fachkraft ist es eigentlich, Kindern Mut zu machen, sich selber zu vertrauen, sich selber etwas zuzutrauen. Und dafür brauchen sie unsere Ermutigung. Wenn man jetzt zum Beispiel dem Kind sagen würde: Vorsicht! und Nein, pass mal auf! und Das kann passieren...!, dann mache ich eher, dass ich das Kind schwäche, weil das Kind vielleicht Angst bekommt. Oder weil das Kind vielleicht denkt: Oh ja, stimmt, gleich falle ich herunter. Viel besser wäre es, das Kind zu ermutigen, indem ich zum Beispiel sage: Hey, das machst du gut, halte dich gut fest. Also, ich gebe noch eine Unterstützung, aber ich vertraue oder traue dem Kind das zu, dass es gelingt.

Ein Kind, was nie gelernt hat, sich geschickt abzurollen wenn es hinfällt, wird irgendwann hinfallen und sich richtig wehtun. Oder sogar sich das Bein oder den Arm brechen, weil ihm die Strategie fehlt. Also brauchen Kinder eher Räume außen und innen, wo sie Lernerfahrungen machen können. Übungsfelder, um dann später zu wissen:

  • Wenn ich das mache, passiert das, also muss ich eine andere Strategie anwenden, eine Strategie, mich festhalten und hochzuziehen.
  • Eine Strategie, wenn ich stolpere, wieder in die Balance zu kommen, mein eigenes Gleichgewicht wieder einzusortieren.

Und all das findet im Grunde statt, wenn wir Kindern zutrauen, auch ein bisschen mit Risiko umzugehen.

Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht und ihnen nichts passiert. Das kann ich auch immer gut verstehen. Gleichwohl wissen aber auch pädagogische Fachkräfte, dass wir manchmal ein bisschen auch die Risikobereitschaft von Kindern fördern und sogar auch einfordern müssen, damit Kinder genau diese Erfahrung machen können, die ich gerade eben beschrieben habe, nämlich gute Strategien für sich und ihr Lernen zu entwickeln.

Lernen durch eigenes Tun

Wenn wir Kinder ein Leben lang in den ersten Monaten und auch Jahren ihres Aufwachsens nur in Watte packen – Ich nehme mal diese Metapher – dann schaffen wir für sie eigentlich einen künstlichen Raum. Nämlich ein Raum, wo scheinbar nichts passieren kann. So ist aber nicht das Leben. Kinder bewegen sich draußen, drinnen in Räumen, die unterschiedliche Risiken haben.

Und das muss ich lernen, das muss ich ausprobieren. Das kann mir kein Erwachsener erklären. Nach dem Motto, das Kind sitzt vor mir und ich sag: So, und gleich willst du über einen Baumstamm balancieren. Und dann, Es fühlt sich das so an, und da musst du das so machen! So geht Lernen nicht, sondern Lernen geht immer über selber tun.

Und deswegen gibt es auch einen schönen Spruch und der heißt: Selber tun macht schlau. Nämlich, ich probiere es selber aus. Ich mache Erfahrungslernen, Erfahrungswissen und dann kann ich das auch auf andere Situationen übertragen und bin ein kompetenter Lerner und später dann ein kompetenter Anwender.

Themen
Freispiel, Körperliche Entwicklung, Kognitive Entwicklung, Rolle der pädagogischen Fachkraft
Videos
Weiterbildung
Verwendung
Ausbildung