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Bewegung fördern, Lernen provozieren

Ali McClure | Februar 2026

„I like to move it, move it!“

Als pädagogische Fachkräfte wissen wir, wie wichtig die ersten fünf Jahre im Leben eines Kindes für die Gesamtentwicklung und den künftigen Bildungsweg sind. Doch verstehen wir auch, wie Bewegung jeden Meilenstein auf diesem Weg beeinflusst?

Wie der Refrain des Songs „Move It!“ nahelegt, spielt der Bewegungsdrang eine wichtige Rolle in der kindlichen Entwicklung. Körperliche Bewegung beim Lernen verbessert nicht nur die kognitiven Synapsen im Gehirn, sondern baut auch Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften auf: das Fundament für künftiges Lernen. Wie wäre es also mit Bewegung als Bestandteil des Lernprozesses?

Mädchen balanciert 

Bewegung in jeder Entwicklungsphase

Wenn wir uns ansehen, wie wichtig Bewegung ist, müssen wir uns auch bewusst machen, dass es bei kleinen Kindern eine grundlegende Abfolge von körperlichen Entwicklungsstadien gibt und dass jedes Stadium körperlich gemeistert werden muss. In meinen Jahren als Pädagogin habe ich außerdem bemerkt, dass bei Kindern, die eine oder mehrere dieser wichtigen Entwicklungsphasen nicht bewältigen konnten, ein Zusammenhang mit ihrem späteren akademischen Erfolg besteht. Betrachten wir die körperliche Bewegung in diesen Entwicklungsstadien und ihre Bedeutung für künftiges Lernen einmal genauer.

Zunächst sei gesagt, dass die Stadien der körperlichen Entwicklung von der kranialen zur kaudalen Phase und von der proximalen zur distalen Phase fortschreiten. Meiner Meinung nach lernen Kinder in genau derselben Abfolge. In meinem Unterricht sage ich den Kindern immer: „Zuerst müsst ihr eurer Schulter das Schreiben beibringen, erst dann eurem Ellenbogen, eurem Handgelenk und den Fingern.“ Mit anderen Worten: Wir können keine präzisen feinmotorischen Kompetenzen erwarten, wenn wir die Entwicklungsphase nicht nutzen, die zuerst kommt – die aktiven grobmotorischen Bewegungsabläufe, die Körper und Geist auf achtsamere Aktivitäten vorbereiten.

Es gibt jedoch Kinder, die diese frühen körperlichen Stadien nicht bewältigen. Und nach meinen Erfahrungen fallen genau diesen Kindern die nächsten Entwicklungsphasen dann besonders schwer. Das beeinträchtigt ihr Lernen. Nachstehend möchte ich erklären, wie ich einem solchen Kind helfen konnte.

Mädchen auf einer Rutsche 

Jamals Geschichte

Im Frühling hatte ich das Privileg, mit Jamal zu arbeiten. Jamal war im Kindergarten und sollte wie die ganze Altersgruppe auf den Schulanfang vorbereitet werden. Doch von den Mitarbeitenden erfuhr ich, dass Jamal Lern- und Sprachprobleme sowie Schwierigkeiten mit der Selbstregulierung und dem Selbstwertgefühl hatte. Sie befürchteten, dass er vielleicht an einer Lernbehinderung und möglicherweise an Legasthenie leiden könnte. Bei der Arbeit mit Jamal fiel mir auf, dass es körperliche Aktivitäten gab, die er nicht altersgemäß beherrschte. Er war nicht in der Lage, mit der normalen Drehbewegung des Handgelenks zu winken.  Er ging unbeholfen, musste sich bei einfachen Stufen an der Wand festhalten und konnte nicht auf den Hüpfbällen herumspringen, die andere Kinder seines Alters im Garten benutzten. Er hatte einfach nicht die Kraft in den Hüften, um seine Beine nach unten zu drücken und hochzuspringen.

Wie also konnte ich Jamal helfen? Und was empfehle ich für die vielen Kinder wie ihn, die sich mit grundlegenden Bewegungen schwertun und als möglicherweise lernbehindert gelten?

Die Antwort: Ich bringe sie in Bewegung.

Bei Jamal begann ich mit dem Gleichgewicht. Wir machten viele Übungen, um sein Gleichgewicht zu fördern. Zuerst versuchten wir, die Rumpfmuskulatur zu stärken. Wir benutzten Balance Boards. Wir sprangen auf Linien entlang, die ich auf den Fußweg malte. Wir hüpften, wir malten große imaginäre Kreise an die Wände, wir warfen Bälle.

Und dann ging ich einen Schritt weiter. Als Jamals Unterrichtsplan Singen vorsah, warfen wir Bälle im Rhythmus des Liedes. Als wir Rechtschreibübungen machen mussten, sangen wir die Wörter, während er auf dem Rücken lag und in der Luft Fahrrad fuhr: Er übte Schreiben und Rechnen, und er stärkte seine Hüften! Körperliche Bewegung ist kein Extra in der pädagogischen Konzeption. Sie sollte durchgängig präsent sein!

Im Verlauf mehrerer Monate halfen diese körperlichen Übungen und Rumpfbewegungen Jamal, Selbstbewusstsein aufzubauen und physische wie akademische Meilensteine zu erreichen, die er bis dahin verpasst hatte.

Ein Junge springt auf einem Hüpfball 

Körperliche Bewegung bei allen Aktivitäten

Ich setze mich für körperliche Bewegung bei allen Aktivitäten ein! Dabei kommt es vor allem auf die Gestaltung der Umgebung an.

In meinem Klassenzimmer bewegen wir uns. Beim Singen beugen sich die Kinder nach unten und richten sich wieder auf. Statt die Hand zu heben, wenn sie eine Antwort wissen, bitte ich sie, die linke Schulter mit der rechten Hand zu berühren, an ihren Kopf zu tippen oder auf einem Fuß zu balancieren. Dann beobachte ich sie – alle 30 Kinder – und achte darauf, wer diese Aktivitäten nicht mitmachen kann. Und sehr häufig sind das gerade die Kinder, die auch akademische Schwierigkeiten haben, genau wie damals Jamal. Dann arbeiten wir mit diesen Kindern und verwenden dabei Bewegung.

Finden Sie zuerst das Kind, das nicht mithalten kann, ermitteln Sie die Lücken in der körperlichen Entwicklung und füllen Sie dann diese Lücken durch Bewegung aus. 

Im Freien können Klettergerüste und Spielplätze mit großen losen Gegenständen, sogenannten „Loose Parts“, die Schultern stärken und Drehbewegungen fördern. An Klettergerüsten schwingen Kinder die Beine und stärken die Rumpfmuskulatur. Beim Spiel mit großen Objekten trainieren sie die Rumpfmuskeln und entwickeln ihr dynamisches Gleichgewicht, während sie sich bewegen. Obwohl Klettergerüste und grobmotorisches Spiel im Freien vielleicht nicht offiziell im Unterrichtsplan stehen, sind die Bewegungen, die Kinder in diesen Bereichen durchführen, für das Lernen entscheidend.

Ich mache mit den Kindern auch gern Dehn- und Yogaübungen. Dabei entspannen sie die Muskeln, verbessern ihre Flexibilität und bringen ihr Gehirn in Gang.

Selbst für die kleinsten Kinder im Krippenraum ist Bewegung enorm wichtig. Bei der Bauchzeit (am besten kurz und oft) werden die Muskeln gestärkt, die Babys in den späteren Krabbel- und Sitzphasen brauchen. Beim Greifen nach Spielzeug erkunden und trainieren sie ihre Feinmotorik. Eine spannende Bewegungshilfe für Kleinkinder ist eine Schatzkiste mit Spielsachen, die die Babys durchsuchen und fassen können. Das motiviert zu Bewegungen des ganzen Körpers und stärkt insbesondere die Arme durch Greifen und Strecken.

Bauchzeit 

Fünf Tipps für pädagogische Fachkräfte

Hier also sind meine fünf Tipps für Erziehungskräfte, die mehr Bewegung in die Kinderbetreuung bringen möchten:

  • Schaffen Sie ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen der zielorientierten pädagogischen Konzeption und den Dingen, die ein Kind in dieser Phase seines Lernens (unabhängig vom Alter) braucht.
  • Informieren Sie sich über die Stadien der körperlichen Entwicklung und ihre Bedeutung für die Lernergebnisse eines Kindes.
  • Sehen Sie genau hin. Nehmen Sie sich die nötige Zeit, um zu erkennen, was wirklich bei jedem einzelnen Kind los ist. Beobachten Sie die Kinder bei Aktivitäten. Helfen Sie denjenigen, die nicht Schritt halten können.
  • Nehmen Sie bewusst körperliche Übungen in die pädagogische Konzeption auf, koordiniert mit den akademischen Aktivitäten.
  • Fördern Sie Bewegung innerhalb und außerhalb des Gruppenraums, wann und wo immer dies möglich ist!
Kind krabbelt auf Podeste 

Fazit

Wenn Kinder die Möglichkeit haben, sich im Rahmen ihres Lernalltags zu bewegen, können sie ihr Potenzial voll entwickeln, sowohl physisch als auch kognitiv.

Der Unterschied, den diese Ausrichtung auf die Bewegung für mich als Pädagogin bewirkt hat, kann nicht genug betont werden. Den Kindern zu gestatten, sich während des Lernens zu bewegen, hat im Verlauf der Jahre in allen Umgebungen, in denen ich gearbeitet habe, eine unglaublich positive Wirkung erzielt.  Wenn Bewegung kontinuierlich in das Lernangebot integriert und im Lernalltag laufend gefördert wird, können Kinder, die zuvor als lernbehindert galten, erstaunliche Meilensteine erzielen.

Wenn wir Bewegung mit akademischen Aktivitäten kombinieren und sie in allen Bereichen des kindlichen Alltags fördern, können wir als pädagogische Fachkräfte ein Umfeld schaffen, in dem Kinder florieren, und ihnen den Weg zu lebenslangem Erfolg ebnen.
Themen
Körperliche Entwicklung, Kognitive Entwicklung, Bewegung und Gesundheit, Kinder mit Förderbedarf
Alter
Alle Altersgruppen
Verwendung
Ausbildung