Was ist los mit der Entwicklung der Feinmotorik?

Defizite in der Feinmotorik im letzten Jahr vor Schulbeginn sind nicht „okay”

Ein neues und verstörendes Phänomen zeichnet sich am pädagogischen Horizont ab. Viele Kinder haben im letzten Jahr vor der Einschulung nicht die feinmotorischen Fähigkeiten, die nötig wären, um mit einem Bleistift schreiben zu können. Dieser Mangel an Geschicklichkeit in Fingern und Händen kann auf die zunehmende Benutzung von Touchscreen-Technologie und die abnehmende Verwendung von Wachsmalstiften, Farben, Bleistiften, Scheren, Knete, Ton und ähnlichen Dingen im täglichen Leben zurückgeführt werden.

Zusammen mit sozio-emotionalen Kompetenzen und allgemeiner Neugier gehört die Feinmotorik zu den wichtigsten Fähigkeiten für dieses wichtige Jahr im Leben eines Kindes. Wenn Kinder eingeschult werden, ohne über die Feinmotorik und die Fingerkraft zu verfügen, die notwendig ist, um einen Stift zu halten, werden sie Probleme bekommen, andere Anforderungen zu bewältigen. Das ist ein großes Problem, denn heute wird schon im Vorschulalter viel mehr Schreib- bzw. Schreibtischarbeit erwartet als noch vor zehn Jahren.

Dieses Problem wird sich nicht über Nacht lösen lassen. Genau wie grobmotorische Fähigkeiten entwickelt sich auch die Feinmotorik allmählich durch viel Übung und Wiederholung. Vielleicht fallen uns die leichter wahrnehmbaren und aufregenden Entwicklungserfolge im grobmotorischen Bereich mehr auf: Das Kind hebt zunächst den Kopf, dann dreht es sich um, sitzt, krabbelt, zieht sich in den Stand hoch, geht und läuft schließlich. Die Entwicklung der Feinmotorik fängt damit an, dass nach Objekten gegriffen wird, z.B. Mamas Finger, eine Rassel, ein Spielzeug. Dann wird vielleicht das Fläschchen gehalten, Essen wird gegriffen und in den Mund gesteckt, später lernt das Kind, einen Löffel zu halten. Die Hände werden mehr und mehr zweckmäßig verwendet, etwa zum Bausteinspiel oder zum Kneten, zum Öffnen von Knöpfen oder Reißverschlüssen. Dann werden Wachsmalstifte, Filzstifte oder Pinsel verwendet, um zu malen und zu schreiben und erst dann wird der Gebrauch von Bleistiften, Kugelschreibern oder Federhaltern erlernt, um den eigenen Namen oder einfache Wörter zu schreiben oder abzuschreiben. Das ist die normale Entwicklung eines Kindes, aber wenn sie gestört wird, kann sich das Kind nicht so entwickeln, wie es sollte. Wir können das bei der Entwicklung der Feinmotorik bei den heutigen Fünfjährigen beobachten, die vom Säuglingsalter an zu viel Zeit mit „tippen und wischen” auf Bildschirmen verbracht haben, anstatt mit einer großen Bandbreite von manipulierbaren Gegenständen zu spielen.

two children handling manipulatives a t a table with teacher

Technologie ist zu einem Teil unseres Lebens geworden, und so ist es den Erwachsenen überlassen, ihre Benutzung einzuschränken und so sicherzustellen, dass kleine Kinder normale Spielerfahrung sammeln können. Die US-amerikanische Vereinigung der Kinderärzte (American Academy of Pediatrics) empfiehlt, dass Kinder unter zwei Jahren überhaupt keine Bildschirmgeräte verwenden und Kinder im Vorschulalter weniger als eine Stunde pro Tag. Eltern sollten ihre Smartphones nicht ihren Babys geben, wenn sie in Kindersitzen oder -schalen oder in Buggys sitzen. Sie sollten keine Videos für Babys und Kleinkinder abspielen, um diese zu beschäftigen. Sie sollten keine iPads in Restaurants mitnehmen. Vorschulkinder sollten keinen Fernseher in ihrem Kinderzimmer haben.

Die Werbung will Eltern oft davon überzeugen, dass Kinder durch zweidimensionale Computerspiele und andere Programme lernen. Aber Kinder leben in einer dreidimensionalen Welt und sollten durch Erfahrungen mit echten Dingen und echten Menschen lernen. Kinder lernen zum Beispiel, was „drei” bedeutet, indem sie drei Objekte halten, drei Trauben essen, mit drei Bausteinen bauen, herausfinden, wie viel Mal drei Rosinen in einer Rosinenpackung sind oder mit drei Salzstangen ein Dreieck konstruieren. Kindern lernen, indem sie aktiv sind und echte Erfahrungen machen, nicht dadurch, dass sie passiv zuschauen.

Die klassischen Spielmaterialien für Kinder haben bewiesen, dass sie die Entwicklung der Feinmotorik fördern und alle kleinen Muskeln in der Hand trainieren. Erwachsene sollten sicherstellen, dass Kinder sowohl in der Kita als auch zu Hause Zugang zu solchen Materialien haben:

  • ­ Wachsmalstifte, Filzstifte, Kreide, Farben, Buntstifte, Scheren
  • ­ Bausteine, Lego oder anderes Baumaterial
  • ­ Puppen oder Stofftiere zum An- und Ausziehen
  • ­ Knete, Fingerfarben, Ton, Matsch

Fingerspiele wie Imse bimse Spinne und Das ist der Daumen sind auch hervorragend dazu geeignet, die Koordination der Hände und Finger zu steigern. Es gibt so viele gute und spielerische Aktivitäten, die Erwachsene mit Kindern machen können, um ihnen zu helfen, ihre Feinmotorik zu verbessern.

Die Gesell Developmental Observation-Revised (GDO-R) Testskala bewertet viele Aspekte der Entwicklung eines Kindes im Vorschulalter. In den letzten Jahren haben Fachkräfte bemerkt, dass niedrige Testergebnisse im feinmotorischen Bereich oft das im Test festgestellte Gesamtentwicklungsalter der Kinder verringert. Einige von ihnen fragten, ob sie den feinmotorischen Abschnitt auf den Testbögen einfach auslassen können. Die Antwort ist: Nein! Feinmotorische Fähigkeiten sind ein sehr wichtiger Teil der Entwicklung jedes Kindes und sind unverzichtbar für den schulischen Erfolg.

Feinmotorische Übungen für zu Hause

Versuchen Sie, diese Aktivitäten in den täglichen Tagesablauf mit Ihrem Kind einzubauen:

Küchenprojekte: Die Herstellung von selbstgemachtem Salzteig (als Knete) stärkt die Muskeln in Händen und Fingern. Rollen Sie verschieden große Salzteigwürste und -bälle. Bauen Sie mit den Würsten und Bällen. Ihr Kind kann auf dem Tisch oder der Anrichte mit dem Salzteig spielen, während Sie das Essen zubereiten.

Backen Sie Erdnussbutterkekse oder Zuckerkekse, bei denen der Teig zu Bällen geformt und mit der Gabel zerdrückt wird. Fleischbällchen rollen macht auch Spaß und sie schmecken auch gut!

Gemüseladen spielen: Bewahren Sie Gemüse und anderes Essen in Dosen auf einem niedrigen Regalbrett auf und erlauben Sie Ihrem Kind, damit Gemüseladen zu spielen – die Dosen herauszunehmen und zum Beispiel nach Farbe, Größe oder Inhalt neu zu sortieren. Dabei werden auch Vorläufer von mathematischen Fähigkeiten eingeübt.

Besteck sortieren oder Tisch decken: Besteck in die richtigen Fächer zu sortieren ist eine mathematische Fähigkeit, ebenso das Erstellen des Musters, das Ihr Kind dabei machen wird, wenn es Serviette, Messer, Gabel und Löffel richtig deckt.

Essen mit Stäbchen: Das ist schon etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Kinder in asiatischen Ländern lernen es schon in relativ jungem Alter. Versuchen Sie, mit Essstäbchen Baumwollbällchen, Cheerios oder andere kleine Teile zu fassen.

Kleidung falten: Waschlappen oder Handtücher sind ein guter Anfang. Einmal in der Mitte falten und dann nochmal, um sie auf ein Viertel zusammenzulegen.

Dinge auffädeln: Mit Nudeln, Fruit Loops oder Plastikperlen kann man Halsketten und Armbändchen machen. Auf Pfeifenreiniger oder festes Garn auffädeln. Wenn damit Muster gemacht werden, werden sogar wieder mathematische Fähigkeiten geübt!

Verkleidungskiste: Mäntel und Handschuhe anziehen, Reißverschlüsse öffnen und schließen, zu- und aufknöpfen und Schnürsenkel binden sind alles gute Übungen für die Feinmotorik. Eine Puppe oder ein Stofftier anzuziehen ist genauso gut!

Üben mit der Schere: Mit Sicherheitsscheren und einem 10 cm langen Papierstreifen anfangen. Schnipp, schnapp, schnapp werden Fransen geschnitten. Später kann man eine Linie auf ein Blatt Papier zeichnen, entlang der geschnitten wird. Oder wir machen Konfetti, indem wir aus verschiedenfarbigem Papier, Glanzpapier oder Verpackungspapier kleine Schnipsel schneiden. Aus Magazinen kann man Bilder ausschneiden und zu Kollagen zusammenfügen. Auch Knete ist ein gutes weiches Material, mit dem Anfänger üben können, mit einer Schere umzugehen: Knete zu Würsten rollen und mit der Schere zerschneiden.

Ausmalen und zeichnen: Regen Sie zu Kreativität an, indem Sie eine Vielzahl an Möglichkeiten bereitstellen. Mit viel Druck malen, mit wenig Druck malen. Gegenstände mit harten Außenlinien versehen und mit weichen Farben ausmalen. Anstatt eine Fläche einfach auszumalen, kann ein Kind sie auch mit kleinen Kreisen füllen: Pointillismus, eine faszinierende Technik.

Technologie einschränken: Räumen Sie den Elektronikkram weg. Oder, noch besser, machen Sie Ihr eigenes Fernsehprogramm. mit einer Papierrolle und einem Pappkarton: Nachdem die Geschichte Szene für Szene auf die Papierrolle gemalt ist, wird das Papier straff um eine Papprolle gewickelt. Der Fernseher besteht aus einem Pappkarton, in den vorne als Bildschirm ein Fenster geschnitten wurde. Die Papierrolle links im Karton befestigen. Dann den Anfang der Geschichte über den Bildschirm spannen und an eine zweite Papprolle kleben, die rechts im Karton montiert ist. Auch das Drehen der rechten Papprolle (zum Abspielen des Films) fördert die Feinmotorik.


Dr. Marcy Guddemi ist eine anerkannte Expertin für frühkindliche Bildung, spielerisches Lernen und entwicklungspsychologische Testverfahren. Als ehemalige Direktorin des Gesell Institute of Child Development hat Dr. Guddemi ihr Team dazu angeleitet, „die Grundlagen der kindlichen Entwicklung bei allen Entscheidungen zu betonen, die kleine Kinder betreffen.” Sie war Dozentin an vielen Universitäten. In der freien Wirtschaft war sie bei MinderCare, CTB/McGraw-Hill, Harcourt und Pearson tätig. Sie ist aktives Mitglied der amerikanischen Abteilung der International Play Association.