Spielerisches Rechnen mit losen Teilen

Vor unserem Fenster steht ein großer Tulpenbaum. Im Frühling regnen die Blütenblätter seiner gelben und orangen Blüten auf den Boden hinab. Im Sommer sorgt sein grünes Blätterdach für angenehmen Schatten im Garten. Und im Herbst bedecken seine braunen Blätter und kleinen Zapfen den Boden mit einem knirschenden Teppich. Dieser eine Baum bietet kleinen Kindern eine Fülle von losen Teilen zum Sammeln und Erforschen. Der Begriff „lose Teile“ geht auf Simon Nicholson zurück. Er beschrieb damit vielseitig bespielbare Objekte, die zu Kreativität und Entdeckungsfreude anregen.

Kinder legen Muster mit Astscheiben

Natürliche Materialien wie Blätter, Stöcke, Blumen, Steine, Kiefernzapfen, Federn und Muscheln lassen sich in Gärten, auf Spielplätzen und in Parks rund um unsere Häuser und Schulen finden. Diese natürlichen losen Teile gibt es nicht nur in nahezu jedem Wohnviertel, sie stehen auch kostenlos zur Verfügung – und das macht sie zum perfekten Lehrmaterial.

Ein Gebiet der Frühpädagogik, das sich besonders gut für den Einsatz dieser Materialien eignet, ist die Mathematik. Lose Teile aus der Natur können auf vielerlei Art und Weise zum Rechnen verwendet werden. So kann man zum Beispiel verschiedene Tannenzapfen zum Klassifizieren, Sortieren und Zählen nutzen. Anhand von Blättern lassen sich Formen und Symmetrien untersuchen. Steine können abgemessen und in Bezug auf Gewicht und Größe verglichen werden. Alle grundlegenden Bereiche der mathematischen Früherziehung lassen sich mithilfe von natürlichen losen Teilen spielerisch erschließen.

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Erzieherin habe ich festgestellt, dass es ganz einfach ist, das Interesse eines Kindes für Mathematik zu wecken, wenn natürliche lose Teile im Spiel sind. Echtes, fassbares Material übt auf Kinder eine enorme Anziehungskraft aus und wird von ihnen mit besonderem Interesse und großer Sorgfalt behandelt. Eltern oder Erzieher können die Verbindung der Kinder mit den Materialien zudem noch weiter stärken, indem sie die natürlichen losen Teile gemeinsam dort aufsammeln, wo sie üblicherweise zu finden sind. Dies animiert die Kinder nicht nur, im Freien ihre Umgebung aktiv zu erforschen, sondern stärkt darüber hinaus ihre Verbindung mit der Natur.

Jungen legen Muster mit natürlichen Gegenständen

Anhand von Blättern lassen sich Formen, Muster und Symmetrien untersuchen

Sobald Sie die natürlichen losen Teile gesammelt haben, bietet sich Ihnen eine Vielzahl von Fragen an, mit denen Sie den Denkprozess der Kinder anregen können. Zum Beispiel: Wovon haben wir am meisten gefunden? Erzähle mir etwas über deinen Stock. Kannst du etwas finden, das länger ist? Welcher Stein ist schwerer? Sie können die losen Teile auch dazu verwenden, um mathematische Fähigkeiten zu entwickeln. So ist es beispielsweise möglich, Eicheln mithilfe von Eins-zu-eins-Zuordnungen zu zählen, Muster mit Herbstlaub zu kreieren oder Abmessungen durch den Vergleich zweier Federn vorzunehmen. Am wichtigsten jedoch ist, dass sich der Wortschatz der Kinder durch diese spielerischen Interaktionen mit einem reichhaltigen mathematischen Vokabular füllt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Erfahrungen, die mit natürlichen losen Teilen gemacht werden, einen lebenslangen Einfluss auf Kinder haben und einen Grundstein für ihr späteres Interesse an Mathematik legen können.

Hier sind einige meiner Lieblingsideen für spielerisches Rechnen im Freien mit natürlichen losen Teilen:

  • Entwerfen Sie gemeinsam mit den Kindern Formen mit Zweigen, Stöcken und Hülsen. Lassen Sie die Kinder Dreiecke in unterschiedlichen Größen und Formen legen. Gehen Sie einen Schritt weiter und schlagen Sie vor, ein Sechs- oder Achteck zu formen.
  • Begeben Sie sich auf einen Ausflug in die Natur und sammeln Sie Ihre Fundstücke in einem Eierkarton. Bitten Sie das Kind, in jede Vertiefung je einen Gegenstand zu legen, um auf diese Weise die Eins-zu-eins-Zuordnung zu schulen.
  • Suchen Sie vierblättrige Kleeblätter im Gras. Kinder können dabei ihre frühkindliche Fähigkeit zum Simultanerfassen unter Beweis stellen und das Gras schnell nach dreiblättrigen Kleeblättern und ihren glückbringenden Gegenstücken absuchen.
  • Sortieren Sie mit den Kindern Muscheln oder andere natürliche Materialien nach Art, Größe, Farbe oder Form. Dann mischen Sie sie wieder und sortieren Sie sie auf andere Art und Weise.
  • Halbieren Sie Blätter und bitten Sie die Kinder, sie wieder zusammenzusetzen. Ermutigen Sie die Kinder, darauf zu achten, welche Hälften zusammenpassen und zu überlegen, wie sie darauf gekommen sind.
  • Malen mit Pfützenwasser. Lassen Sie die Kinder mithilfe von Pinseln und Wasser auf Beton das Schreiben von Zahlen üben.
  • Legen Sie Muster mit Steinen, die Sie gesammelt haben. Bitten Sie das Kind zunächst, Ihr Muster nachzulegen oder zu erweitern. Wenn es fertig ist, kann es dann sein eigenes Muster entwerfen.
  • Gesichter aus Naturmaterialien. Malen Sie mit Kreide ein Oval auf den Boden. Im Anschluss soll mit diversen losen Teilen ein Gesicht erstellt werden. Zählen Sie gemeinsam die Gegenstände, die für Augen, Ohren, Nase, Mund und Haare verwendet wurden. Erfinden Sie eine Geschichte zu diesem Gesicht. Ist es eine Selbstdarstellung oder zeigt es jemand anderen?
  • Suchen Sie einen Stock und bitten Sie das Kind, einen weiteren Stock zu finden, der länger oder kürzer ist. Jedes Mal, wenn das Kind einen neuen Stock findet, halten Sie ihn neben den anderen, um beide zu vergleichen. Legen Sie schließlich alle Stöcke auf den Boden und ordnen Sie sie der Größe nach.
  • Sammeln Sie kleine Feldblumen oder Gräser, beispielsweise Pusteblumen oder Klee, und binden Sie sie in 5er- oder 10er-Bündeln zusammen. Zählen Sie im Anschluss in 5er- oder 10er-Schritten, um zu sehen, wie viele insgesamt gefunden wurden.
Eierkarton mit Gegenständen aus der Natur

Benutzen Sie einen Eierkarton zum Sammeln und Sortieren von Gegenständen aus der Natur

Spielerisches Rechnen mit losen Teilen

Sortieren

Muscheln und Kieselsteine zum Sortieren

Formen gestalten

Zu Dreiecken angeordnete Stöcke

Muster erstellen

Lose Teile zur Herstellung von Mustern

Zählen

Natürliche Gegenstände zum Zählen

Dr. Dorie Ranheim ist Erzieherin, Bloggerin und Mutter mit einer tiefen Leidenschaft für Mathematik und Natur in der frühen Kindheit. Nach ihrem Studium der Entwicklungspsychologie und Elementarpädagogik an der Loyola University, dem Erikson Institute und der Saint Louis University genießt sie derzeit ihre Arbeit als Erzieherin und Einrichtungsleiterin für die Soulard School in St. Louis, Missouri. Sie ist begeistert von Mathematikdidaktik für Kleinkinder, um dann über ihre Ideen auf ihrem Blog playfulinvitations.com zu schreiben. Sie verfügt über mehr als 17 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Familien in vielen Bereichen, einschließlich Krankenhäusern, Museen für Kinder und Schulen. Dorie hat das Glück, zwei fröhliche Töchter, Inga (6) und Freya (4), und einen musikalischen Ehemann, Bjorn, zu haben.