Natürlich lernen

Wie die Zeit, die wir in der Natur verbringen, unsere exekutiven Funktionen fördert

Da sich die Technologie in atemberaubender Geschwindigkeit weiterentwickelt, müssen wir Kinder darauf vorbereiten, in einer zukünftigen Welt zu leben, die wir heute weder vorhersagen noch uns vorstellen können. Wer weiß, welche neuen Fortschritte und Technologien verfügbar sein werden, wenn die Kleinen von heute das Erwachsenenalter erreichen? Um kleinen Kindern zu helfen, sich auf Schule und Universität sowie auf ihre berufliche Laufbahn vorzubereiten, müssen wir sie darin bestärken, tiefgründig zu denken und Probleme mit Flexibilität und Kreativität anzugehen. Kinder müssen ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche richten und sich nicht ablenken lassen. Faktenwissen ist nicht alles – wir leben in einer Welt, in der Fakten mit einem Tastendruck abrufbar sind. Es geht um die Fähigkeit, das, was wir wissen, nutzen zu können, unser Wissen so anzuwenden, wie es die aktuelle Situation erfordert.

Kurz: Wir müssen die Entwicklung und den Gebrauch von exekutiven Funktionen fördern. Diese Funktionen helfen uns, unsere Handlungen zu analysieren, zu planen und zu reflektieren, um ein Ziel zu erreichen. Unsere intellektuellen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten fließen in diesen Fähigkeiten zusammen. Gut entwickelte exekutive Funktionen sind in den meisten Lebensbereichen die Voraussetzung für Erfolg. Viele aktuelle Studien deuten darauf hin, dass gut entwickelte exekutive Funktionen zu besseren schulischen Ergebnissen führen. Kinder, die ein gutes Arbeitsgedächtnis, eine hohe geistige Flexibilität und gute Selbstbeherrschung aufweisen, haben größeren Lernerfolg als ihre Altersgenossen (Kamkar & Morton 2017). Gut entwickelte exekutive Funktionen in der frühen Kindheit sind verbunden mit besseren Leistungen in Mathematik, einem größeren Wortschatz und mehr Lesekompetenz (Harvey & Miller 2017). Um Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten müssen wir uns darauf konzentrieren, ihnen bei der Entwicklung und Ausbildung von exekutiven Fähigkeiten zu helfen.

Während exekutive Funktionen für Erfolg in Schule und Leben eine große Rolle spielen, ist es auch klar, dass wir keine unermüdlichen Maschinen sind, und dass unsere Gehirne regelmäßige Phasen der Regenerierung und Ruhe brauchen. Es ist leicht, in unserer schnelllebigen, digitalen Welt auszubrennen. Unser hektischer, nervöser Lebensstil mag genau der Grund sein, warum wir uns Zeit nehmen müssen, um mit der Natur in Kontakt zu kommen. Der Kontakt mit der Natur gibt uns die Möglichkeit, seelisch aufzutanken und unsere geistige Leistungsfähigkeit zu steigern (Bratman et al. 2015). Es gibt auch klare Hinweise darauf, dass es die Entwicklung unserer exekutiven Funktionen fördert, wenn wir uns in der Natur aufhalten.

Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, dass positive Erlebnisse in der Natur kognitiv, emotional und körperlich viele Auswirkungen haben. Kinder haben mehr Konzentration, zeigen bessere Schulleistungen, sind weniger aggressiv und haben ein vermindertes Risiko der Fettleibigkeit, wenn sie Gelegenheiten haben, Zeit in der Natur zu verbringen (American Institutes for Research 2005; Faber Taylor & Kuo 2011). All diese Faktoren unterstreichen, wie wichtig es ist, Kindern die Möglichkeit zu geben, regelmäßig Kontakt mit der Natur zu haben.

In der heutigen Welt, in der Kinder immer naturferner aufwachsen, ist dies umso wichtiger. Die Kindheit ist oft die Zeit, in der sich eine das ganze Leben lang andauernde Beziehung zur Natur entwickelt. An entspannten, angenehmen Naturerlebnissen teilzunehmen schafft positive Gefühle und glückliche Erinnerungen für Kinder. Aber es gibt auch andere Vorteile. Der Aufenthalt in der Natur hilft Kindern, ihre Beobachtungsgabe zu entwickeln und fördert die Kreativität (Crain 2001). Je aufmerksamer wir sind, desto tiefer und reichhaltiger wird unser Lernen sein. Wenn Kinder lernen, genau auf Details zu achten, verbessern sie ihre Konzentration und ihre Selbstkontrolle, die Schlüsselaspekte der exekutiven Funktionen sind. Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen nach dem Spielen im Freien besser in der Lage sind, sich zu konzentrieren und Anweisungen zu folgen, als nach dem Spielen im Haus (Martensson et. al 2009).

In der Natur zu spielen fördert die soziale Interaktion der Kinder untereinander und hilft ihnen, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern, indem es positive Beziehungen fördert und ihre Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten aufbaut (Pyle 2002). Kinder, die regelmäßig in natürlichen Umgebungen spielen, zeigen bessere körperliche Koordination, Fitness und motorische Fähigkeiten als Kinder, die weniger Zeit im Freien verbringen (Fjortoft & Sageie 2001). Diese Ergebnisse sind mit späterem schulischen Erfolg verknüpft, da Kinder eine solide Grundlage für die geistige und körperliche Gesundheit benötigen, um die in der Schule erforderlichen Fähigkeiten aufzubauen.

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Zeit in der Natur zu verbringen unterstützt die Entwicklung von exekutiven Funktionen auf vielfältige Weise. Die gesunde Entwicklung von exekutiven Funktionen erfolgt durch eine Kombination aus Gehirnentwicklung und Lebenserfahrung, wobei die ersten Jahre entscheidend sind. Beim Spielen in der Natur stehen Problemlösung, Kreativität sowie emotionale und intellektuelle Entwicklung im Vordergrund. Kinder sind Naturwissenschaftler, die experimentieren und erforschen, um zu sehen, wie die Welt funktioniert. Wenn wir ihnen Zeit und Gelegenheit geben, die Natur zu erkunden, ermutigen wir sie dazu, ihre Aufmerksamkeit zu kontrollieren, ihr Arbeitsgedächtnis zu nutzen und grundlegende Selbstregulierung auszuüben – Fähigkeiten, die in direktem Zusammenhang mit exekutiven Funktionen stehen.

Der unstrukturierte Aufenthalt in der Natur bringt den größten Nutzen. Wenn Kindern erlaubt wird, ihre Zeit im Freien mit wenig strukturierten Aktivitäten zu verbringen, können sie sich eigene zielgerichtete Handlungen ausdenken und diese durchführen. Es ist in der Tat so: Je mehr Zeit die Kinder mit weniger strukturierten Aktivitäten verbringen, desto besser entwickelt sich ihre exekutive Funktion der Verhaltenssteuerung (Barker et al 2014).

Hier sind einige Möglichkeiten, wie wir Kindern helfen können, Fähigkeiten zu entwickeln, die im Zusammenhang mit exekutiven Funktionen stehen:

Sinneserfahrungen vermitteln

Bieten Sie schon für Babys und Kleinstkinder sensorische Erlebnisse mit natürlichen Materialien an. Lassen Sie sie Baumrinde, Gräser und Steine befühlen. Vermitteln Sie ihnen die Sprache, um das Verständnis dessen, was sie erleben, zu vertiefen. Sprechen Sie über die Kühle der Steine oder die Rauheit der Rinde. Genießen Sie es, gemeinsam mit den Kindern den treibenden Wolken zuzuschauen und auf das Zwitschern der Vögel zu lauschen.

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Schaffen Sie Räume für Entdeckungen

Wenn Kinder älter werden, sind sie motiviert, ihre Umgebung besser zu erkunden. Daher ist es wichtig, einen sicheren Raum für Entdeckungen zu schaffen. Nehmen Sie Kinder mit „auf Abenteuer“, indem Sie nahegelegene Naturlandschaften erkunden. Diese Abenteuer müssen nicht extravagant oder zeitaufwendig sein. Ein einfacher Spaziergang durch ein Wäldchen oder der Besuch eines nahegelegenen Teiches kann vollkommen ausreichen. Geben Sie jedem Kind einen „Schatzbeutel“ mit, damit sie bei dem Spaziergang durch die Natur Gegenstände sammeln können. Schauen Sie sich dann an, was gesammelt wurde, und sprechen Sie mit den Kindern darüber. Verwenden Sie ein Stück breites Klebeband, um ein Naturarmband zu basteln. Erstellen Sie ein Fotoalbum Ihrer gemeinsamen Abenteuer, damit die Kinder die Geschichten viele Male erzählen und nacherzählen können.

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Verhelfen Sie den Kindern zu Erlebnissen, über die sie reden können

Die Sprache ist eng mit exekutiven Funktionen verbunden. Verhelfen Sie Kindern zu Naturerlebnissen, damit sie davon erzählen können. Setzen Sie sich in Ruhe hin und beobachten Sie Enten, die auf einen Teich schwimmen. Ermutigen Sie Kinder, über das, was sie beobachten, zu sprechen und Fragen zu stellen. Helfen Sie ihnen, Wege zu finden, um die Antworten auf ihre Fragen zu finden. Sprechen Sie mit Kindern über das, was sie erleben, und ermutigen Sie sie, über ihre Pläne zu sprechen, was sie als nächstes machen wollen. Lassen Sie sie während eines Naturspaziergangs die Führung übernehmen, indem Sie die Kinder entscheiden lassen, wo es langgehen soll, und fordern Sie ihr Arbeitsgedächtnis heraus, indem Sie sie auf dem Rückweg dazu anregen, sich an Orientierungspunkte zu erinnern. Vermitteln Sie den Kindern die Sprache, die sie brauchen, um das Erlebte gedanklich zu verarbeiten und auszudrücken. Spielen Sie Spiele, bei denen Ursache und Wirkung deutlich werden. Sammeln Sie viele natürliche Gegenstände und werfen Sie sie ins Wasser, um zu sehen, was passiert. Vergleichen Sie, wie sehr es bei den unterschiedlichen Materialien spritzt. Machen Sie Schlammkuchen und Schlammsuppe aus verschiedenen Zutaten und diskutieren Sie, was das beste „Rezept“ ist.

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Arbeit im Garten

Regen Sie die Kinder dazu an, beim Planen und Anlegen eines Gartens mitzuhelfen. Lassen Sie sie wählen, welche Pflanzen sie anbauen und wie sie die Fläche gestalten wollen. Sie können sich auf verschiedene Farben, Düfte oder Texturen konzentrieren oder mit Blick auf die Ernte planen und einen Pizza- oder Salsa-Garten anlegen! Ermutigen Sie die Kinder, Ihnen beim Jäten des Gartens zu helfen. Unkraut und Nutzpflanzen zu vergleichen und zu unterscheiden kann zu einem Sortier- und Sammelspiel werden. Wenn Kinder entscheiden, welche Pflanzen Unkraut sind, nutzen sie die Kernfunktionen von exekutiven Funktionen: Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Impulshemmung, also Selbstregulation. Verwenden Sie die Gartenprodukte, um verschiedene Rezepte auszuprobieren – Sie werden sich wundern, wie bereit die Kinder sind, neue Gerichte auszuprobieren, wenn sie die Zutaten selbst angebaut haben!

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Körperliche Herausforderungen

Geben Sie viel Gelegenheit zu körperlicher Aktivität und motorischen Herausforderungen wie das Klettern auf Bäume oder das Erstellen eines Naturhindernisparcours. Diese Arten von Aktivität bieten Möglichkeiten zur Planung, Problemlösung und Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen. Außerdem empfinden Kinder ein tiefes Gefühl von Stolz und Erfolg bei der Bewältigung solcher Herausforderungen. Sie können diese aktiven Zeiten mit ruhigen Aktivitäten wie einem Hörspaziergang durch eine natürliche Umgebung ausgleichen.

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Regen Sie zu konstruktivem Spiel an

Stellen Sie offene, lose Teile wie kleine Äste oder Bambusstangen für Kinder zur Verfügung, mit denen sie Burgen bauen können. Um die Konstruktion einer Burg zu meistern, müssen Kinder planen, zusammenarbeiten, sich konzentrieren und Probleme lösen. Das sind wichtige Fähigkeiten, die Kinder ihr ganzes Leben lang immer wieder benötigen werden, um ihre Ziele zu erreichen.

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Kindern einen Kontakt mit der Umwelt zu vermitteln und die vielfältigen Möglichkeiten, Zeit in der Natur zu verbringen, können den Kindern ihr ganzes Leben lang zu Gute kommen. Zu diesen Vorteilen gehören eine bessere körperliche Gesundheit, ein Gefühl der sozialen Eingebundenheit, mehr Kreativität und weniger Stress. Kognitive Fähigkeiten, einschließlich der Entwicklung und Verfeinerung der exekutiven Funktionen, werden auch durch den Aufenthalt in der Natur unterstützt. Auch die Fachkräfte können davon profitieren. Fachkräfte, die mit ihrer Gruppe regelmäßig in die Natur gehen, berichten von mehr Vertrauen in ihre pädagogische Kompetenz, verwenden innovativere pädagogische Vorgehensweisen und behalten häufiger ihre Begeisterung für ihren Beruf als diejenigen, die drinnen bleiben (Suzuki 2014). Ein „natürliches“ Mittel gegen Burnout bei Fachkräften, könnte man sagen. Warum nicht den Kindern und sich selbst einen Gefallen tun und nach draußen gehen? Sie werden die Kinder dabei unterstützen, eine Liebe zum Lernen und eine Liebe zur Natur zu entwickeln!

Literaturhinweise

American Institutes for Research. 2005. „Effects of Outdoor Education Programs for Children in California.“ American Institutes for Research: Palo Alto, CA. http://www.sierraclub.org/youth/california/outdoorschool_finalreport.pdf (Band 1)

Barker, J., A. Semenov, L. Michaelson, L. Provan, H. Snyder, and Y. Munakata. 2014. „Less-structured time in children’s daily lives predicts self-directed executive functioning.“ Frontiers In Psychology 5(593): 1-16. doi: 10.3389/fpsyg.2014.00593

Bratman, G.N., J.P. Hamilton, K.S. Hahn, G.C. Daily, and J.J. Gross. 2015.“Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation.“ PNAS 2015 112 (28): 8567-8572; doi:10.1073/pnas.1510459112

Crain, W. 2001. „Now Nature Helps Children Develop.“ Summer.

Fjortoft, I. & J. Sageie. 2001. „The Natural Environment as a Playground for Children: Landscape Description and Analysis of a Natural Landscape.“ Landscape and Urban Planning 48(1/2): 83-97

Faber Taylor & Kuo. 2011. „Could exposure to everyday green spaces held treat ADHD? Evidence from children’s paly settings.“ Applied Psychology: Health and Well-Being. 3: 281-3-3. doi: 10.1111/j.1758-0854.2011.01052.x

Harvey, H.A. & G.E. Miller. 2017. „Executive function skills, early mathematics and vocabulary in head Start preschool children.“ Early Education and Development. 28(3): 290-307.

Kamkar, N.H. & J.B. Morton. 2017. „CanDID: A framework for linking executive function and education.“ Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.01187

Martensson, F., C. Boldemann, M. Soderstrom, M. Blennowe, J.E. Englund, & P. Grahn. 2009. „Outdoor environmental assessment of attention promoting settings for preschool children.“ Health & Place. 15: 1149-1157. doi. 10.1016/j.healthplace.2009.07.002.

Pyle, R. 2002. Eden in a Vacant Lot: Special Places, Species and Kids in Community of Life. In: Children and Nature: Psychological, Sociocultural and Evolutionary Investigations. Kahn, P.H. and Kellert, S.R. (eds) Cambridge: MIT Press

Suzuki, D. 2014. „Learning in nature is good for teachers and students.“ http://www.straight.com/news/729771/david-suzuki-learning-nature-good-teachers-and-students

Über die Autorin 

Michelle Rupiper ist zurzeit Professorin für Pädagogik an der University of Nebraska-Lincoln, wo sie seit 1994 lehrt. Als Pädagogin hat sie im Lauf ihrer Karriere mit Kindern vom Kleinkind- bis zum Schulalter gearbeitet und gemeindenahe Frühförderungsprogramme geleitet. Ihre Überzeugung, dass Kinder gut vorbereitete, kompetente Fachkräfte verdienen, die verstehen, wie Kinder lernen, und in der Lage sind, sie qualifiziert zu unterstützen, hat sie dazu veranlasst, nicht nur in ihrem Heimatland USA auf regionaler und nationaler Ebene auf vielen Veranstaltungen Vorträge zu halten, sondern auch in Kenia, der Mongolei, Australien, Katar, Thailand und China. Michelle Rupiper befasst sich leidenschaftlich damit, Kinder mit der Natur in Kontakt zu bringen. Zu ihren Lieblingsthemen gehört der Internationale Matschtag und alles, was mit dem Spielen im Matsch zu tun hat.