Gibt es eine Mitgefühlsdefizit-Störung?

Woher kommt es? Was können wir dagegen tun?

„Ich merke, dass ich immer mehr Zeit damit verbringe, Streitereien zwischen meinen Kindern zu schlichten. Einige Kinder scheinen weniger Sozialkompetenz zu haben als die Kinder vor 15 Jahren, als ich anfing, als Erzieherin zu arbeiten. Wenn sie etwas haben möchten, greifen sie einfach danach, oder sie verletzen andere Kinder, wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht, oder sie versuchen, andere einzuschüchtern, um zu bekommen, was sie wollen. Ich sage ihnen immer wieder, dass sie reden sollen, nicht zuschlagen, aber oft ist es, als würde ich gegen eine Wand reden. Ich glaube, einige Kinder haben tatsächlich Angst vor dem, was hier passiert.“ (von einer Erzieherin)

Jungen streiten sich um eine Krabbelbox

Die Zeiten ändern sich

Viele pädagogische Fachkräfte erzählen mir, dass sie zu viel Zeit damit verbringen, ein Gefühl der Sicherheit in ihren Gruppen aufrechtzuerhalten, und geben zu, dass sie auf mehr „Auszeiten“ und härtere „disziplinarische Maßnahmen“ zurückgreifen als in der Vergangenheit. Zu lernen, wie man positiv miteinander interagiert, ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe der frühen Kindheit, aber heute scheint es Kindern schwerer zu fallen, sich in Gruppenaktivitäten einzubringen oder Spielsachen zu teilen. Erzieherinnen berichten auch, dass jüngere Kinder die Art von Mobbing und Hänseln an den Tag legen, die früher typisch für ältere Kinder war. Kinder werden gehänselt, verspottet und abgelehnt, weil sie nicht richtig aussehen oder nicht die richtigen Markenzeichen auf ihren Lunchboxen oder Kleidern haben. In den USA hat die offenkundige Zunahme unsozialen Verhaltens dazu geführt, dass einige Einrichtungen keine gemeinsamen Pausen mehr haben, weil die Kinder auf dem Spielplatz aggressiv sind und sich gegenseitig verletzen (Zimmerman u.a. 2005).

Was ist hier los? Warum berichten Pädagogen über diese sozialen Probleme? Wie konnte es so weit kommen? Was bewirkt bei einigen Kindern die Entwicklung von Störungen im Sozialverhalten, die ich mittlerweile als „Mitgefühlsdefizit-Störung“ bezeichne?

Wie wir lernen, aufeinander bezogen oder isoliert zu sein

Hier sind zwei Szenarien mit Babys, die in ihren Gitterbettchen liegen und schreien. Wenn die Dinge für das Baby wie unten geschildert weitergehen, bei welchem Baby ist es Ihrer Meinung nach wahrscheinlicher, dass es später in der Gruppe problematisches Verhalten an den Tag legt, so wie es die Erzieherin oben beschreibt:

Baby 1 schreit in seinem Gitterbettchen. Sein Vater nimmt es in den Arm und kuschelt mit ihm. Das Baby schreit noch ein bisschen weiter und sein Vater fängt an, leise ein beruhigendes Lied zu singen. Während das Singen weitergeht, beginnt das Baby, das Gesicht seines Vaters zu beobachten, es lächelt und fängt an, leise Gurrlaute von sich zu geben. Während sie sich anschauen, lächeln sie einander an und gurren gemeinsam. In diesem Fall tröstet der Vater das Baby, die beiden treten miteinander in eine Beziehung, in der jeder gibt und nimmt, und die letztendlich für Vater und Kind beglückend ist.

Baby 2 schreit in seinem Gitterbettchen. Seine Mutter kommt in den Raum und drückt einen Knopf an einem am Bettchen befestigten elektronischen Spielgerät, das die Familie bei der Geburt des Babys geschenkt bekommen hat. Lichter fangen an zu blinken, Musik spielt und es erscheinen Bilder. Das Baby dreht sich schnell nach der Geräuschquelle um und hört auf zu weinen, während die intensiven optischen und akustischen Eindrücke auf es einprasseln. Das technische Wunderwerk hat Baby 2 so überrascht, dass es aufhört zu schreien. Jedes Mal, wenn ein Knopf gedrückt wird, erregen die Bilder, Lichter und Geräusche seine Aufmerksamkeit. Es gibt wenig oder gar keine Interaktion mit Geben und Nehmen zwischen dem Baby und seiner Mutter und kein Erleben von Trost und Wärme, das damit einhergehen würde. Das Baby hört auf zu weinen, aber es lernt nicht, eine Beziehung zu seiner Mutter aufzubauen und in der Interaktion mit ihr sein Verhalten so anzupassen, dass es für beide Seiten bereichernd wäre (Levin & Rosenquest, 2001).

Wenn Sie glauben, dass es für Baby 2 eine größere Wahrscheinlichkeit gibt, in seiner Gruppe das eingangs beschriebene problematische Verhalten an den Tag zu legen als für Baby 1, dann liegen Sie richtig. Es mag sein, dass die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen positiv zu gestalten, zu einem gewissen Maß angeboren ist. Aber ob und wie sich diese Fähigkeit entwickelt, hängt von den Erfahrungen ab, die Kinder mit Mitmenschen machen – zum Beispiel, wie viele Interaktionen stattfinden, wie die Personen, mit denen sie interagieren, auf ihr Verhalten reagieren und welches Verhalten sie bei anderen beobachten. In meinem Beispiel war dies, wie der Vater von Baby 1 auf es reagiert und mit ihm interagiert. Kinder lernen im Laufe der Zeit, wie sie sich verhalten müssen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, und wie sie mit einer Mischung aus Nachgeben und Einfordern Probleme mit anderen lösen. Außerdem lernen sie, sich in den anderen hinein zu versetzen, um zu verstehen, wie sich der Gegenüber angesichts des eigenen Verhaltens fühlt (Bowlby, 1982). Natürlich wird der Entwicklungsstand der Kinder die Art und Weise beeinflussen, wie sie Beziehungen verstehen und sich in ihnen verhalten. Zum Beispiel kann ihr kindlicher Egozentrismus dazu führen, dass sie sich zu sehr darauf konzentrieren, wie sich die Dinge auf sie selbst auswirken. Aber angemessene soziale Erfahrungen helfen ihnen, positive soziale Fähigkeiten auf ihrem aktuellen Entwicklungsstand zu erwerben.

Es ist wichtig, dass Kinder von Anfang an echte, bedeutungsvolle Erfahrungen aus dem realen Leben machen, die ihnen helfen können, diese Fähigkeiten zu erlernen, denn die Forschung deutet darauf hin, dass Verhaltensmuster im Alter von acht Jahren bereits mit Verhalten im Erwachsenenalter zusammenhängen (Eron, Gentry & Schlegel, 1994). Baby 1 zeigt uns, wie dieser Prozess anfängt, wie er und sein Vater ihre eigene spezielle Art der Interaktion und Bindung entwickeln. Wenn es für Baby 2 mit schrillen Spielzeugen weitergeht, mit mehr Maschinen, Technik und Bildschirmen, hat es leider schlechtere Karten, wenn es darum geht, auf Menschen zuzugehen, fürsorgliche und enge Beziehungen aufzubauen oder auf altersangemessene Weise Probleme anzugehen. Es ist wahrscheinlich, dass sie eines der Kinder wäre, die die Erzieherin oben schwierig nannte, etwa weil sie oft in Konflikte mit anderen Kindern geraten, wenn es um das Teilen von Spielzeugen geht, oder unschöne Sachen tun, um die Gefühle anderer Kinder zu verletzen.

Was passiert da heutzutage?

Viele Kinder haben heute Probleme mit sozialen Beziehungen, beim Aufgeben ihres Egozentrismus und beim Hineinversetzen in andere. Ich bin dazu gekommen, das als Mitgefühlsdefizit-Störung zu bezeichnen. Es gibt mehrere Faktoren, die zu der Situation beitragen:

• Kinder verbringen in immer jüngerem Alter immer mehr Zeit mit immer mehr Technik und Bildschirmen (Levin, 2013). Bei Baby 2 sehen wir, wie das anfängt. Dies bedeutet mindestens, dass Kinder weniger Zeit haben, mit anderen in der realen Welt zu interagieren, wo sie die Möglichkeit haben, altersangemessene soziale Interaktionen mit Geben und Nehmen sowie Beziehungen zu anderen aufzubauen. Es bedeutet auch, dass Kinder immer mehr von Bildschirmen abhängig werden und weniger eigene, unabhängige Interessen und Fähigkeiten entwickeln.

• Wenn Kinder vor Bildschirmen sitzen, sehen sie viele Vorbilder für unsoziales, boshaftes und stark stereotypes Verhalten. Solche Inhalte können unsoziale Verhalten lehren, die Kinder dann in ihre Beziehungen und Interaktionen mit anderen mitbringen.

• Wenn Kinder dennoch spielen, dann oft mit Spielzeugen, die sehr realistische Nachbildungen dessen sind, was sie auf Bildschirmen sehen. Diese Spielzeuge können Kinder dazu bringen, das Gesehene nachzuahmen, anstatt ein reichhaltiges, kreatives Spiel zu entwickeln, in dem sie die Problemfinder und die Problemlöser sind – zwei wesentliche Fähigkeiten positiver sozialer Beziehungen (Levin, 2009).

• Viele Familien, die in finanziellen oder persönlichen Nöten sind, verwenden Bildschirmunterhaltung oft dazu, ihre Kinder zu beschäftigen, und haben weniger Zeit, um zu prüfen, was ihre Kinder sehen. Daher sind diese Kinder den Botschaften, die von Bildschirmen und der Pop-Kultur ausgehen, stärker ausgesetzt.

• Ob es darum geht, Fähigkeiten zu fördern und ihren Kindern das zu geben, was ihre Eltern für Frühförderung halten, oder um sie davon abzuhalten, zu Hause an Bildschirmen zu kleben, oder einfach nur zum Vergnügen: viele Familien (besonders diejenigen, die über gute Ressourcen verfügen) planen für ihre Kinder im Kindergartenalter immer mehr strukturierte und organisierte Aktivitäten außerhalb des Zuhauses. Obwohl Kinder durch diese Aktivitäten wertvolle Fähigkeiten erwerben können, werden diese meist durch Erwachsene bestimmt und haben vorgeschriebene Handlungsabläufe, die Kindern nicht die Möglichkeit geben, selbst zu organisieren und zu lernen, wie sie ihre eigenen Aktivitäten und Interaktionen mit anderen Kindern gestalten. Auch in dieser Situation haben Kinder weniger Möglichkeiten, die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie durch eigenverantwortliches Handeln erlernen würden.

Zwei Kinder kooperieren beim Verschieben eines Spielgeräts

Was können wir tun?

Wenn Kinder sich verletzend oder störend verhalten – was ich Mitgefühlsdefizit-Störung genannt habe – reagieren Erwachsene oft damit, sie zu beschuldigen und zu bestrafen. Diese Reaktion geht davon aus, dass die Kinder verstehen, was sie tun und dass sie eine Wahl haben, es zu tun oder nicht. Wenn wir die Kinder bestrafen oder beschämen, so denken viele, werden sie sich das nächste Mal mitfühlend verhalten. Mittlerweile wissen wir viel über das Erfahrungslernen bei Kindern. Dazu kommt das, was ich oben über die Erfahrungen beschrieben habe, die sie heute in Bezug auf soziale Beziehungen haben und nicht haben. Es wird klar, dass eine solche, wenig mitfühlende Reaktion das genaue Gegenteil davon ist, was Kinder und Gesellschaft brauchen!

Wir müssen darauf hinarbeiten:

• Den Kontakt mit der High-Tech-, Medien- und Konsumkultur so gering wie möglich zu halten, solange die Kinder klein sind. Je länger wir diesen Kontakt hinauszögern können, desto mehr Möglichkeit haben die Kinder, ein gesundes Identitätsbewusstsein, gutes Spielverhalten und ein Repertoire an Fähigkeiten für den Umgang mit anderen aufzubauen (siehe auch die US-Vereinigung von Pädagogen gegen ungesunde Kinderunterhaltung: www.TRUCEteachers.org).

• Den Kindern zu helfen, die Dinge zu verstehen, denen sie ausgesetzt sind. Eine der besten Möglichkeiten, dies zu tun, ist, mit den Kindern über diese Themen in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel können wir mit den Kindern sprechen, um zu erfahren und schätzen zu lernen, was sie wissen und denken. Unsere Antworten können dann auf dem aufbauen, was die Kinder uns erzählt haben.

• Darauf Einfluss zu nehmen, welche Botschaften Kindern darüber vermittelt werden, wie Beziehungen aussehen und wie man sie aufbaut und unterhält. Zu oft opfern Einrichtungen und Schulen die Möglichkeit, Kindern soziale Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln – zugunsten einer intensivierten schulischen Ausbildung. Soziales Lernen ist gerade jetzt so wichtig, und es gibt viele hilfreiche Ressourcen. (Siehe die englische Website www.deyproject.org: ein Plädoyer für die kindgerechte Frühpädagogik.)

• Mit anderen Erwachsenen im Leben der Kinder in Kontakt zu treten, z.B. mit anderen Mitglieder der Familie, anderen Eltern, pädagogischen Fachkräften – um sich gegenseitig dabei zu unterstützen, die positive soziale Entwicklung und die Beziehungen der Kinder zu fördern.

• Mit anderen lokalen Akteuren – Organisationen und Entscheidungsträgern – in Kontakt treten, um zu versuchen, durch große und kleine Veränderungen das wirtschaftliche Umfeld, das Technologie-Marketing und Medienkultur so stark gemacht hat, zu beeinflussen (in den USA gibt es z. B. eine Kampagne für eine Kindheit ohne Werbung www.commercialfreechildhood.org).

Literaturhinweise

Bowlby, J. (1982). Attachment and Loss. Vol. 1: Attachment (2nd Ed.). New York: Basic Books (Erstveröffentlichung 1969).

Eron, L, Gentry, J. & Schlegel, P. (Eds.). (1994). Reason to Hope: A Psychosocial Perspective on Violence and Youth. Washington, DC: American Psychological Association.

Levin, D.E. (2008). “Compassion Deficit Disorder? The Impact of Consuming Culture on Children’s Relationships” Risking Human Security: Attachment and Public Life. Marcie Green (Ed.). London, UK: Karnac Books.

Levin, D.E. (May, 2009). Problem Solving Deficit Disorder. Community Playthings. www.communityplaythings.com/resources/articles/2009/problem-solving-deficit-disorder.

Levin, D. E. (2013). Beyond Remote-Controlled Childhood: Teaching Young Children in the Media Age. Washington, DC: National Association for the Education of Young Children.

Levin, D. E. & Rosenquest, B. (2001). The Increasing Role of Electronic Toys in the Lives of Infants and Toddlers: Should We Be Concerned? Contemporary Issues in Early Childhood. 2(2): 242-247.

Zimmerman, F., Glew, G., Christakis, D., & Katon, W. (April, 2005). Early Cognitive Stimulation, Emotional Support, and Television Watching as Predictors of Subsequent Bullying Among Grade-School Children. JAMA Paediatrics, 159(4): 384-388.


Diane E. Levin, PhD, ist Professorin für Frühpädagogik am Wheelock College in Boston, wo sie über kindliches Spiel, Medienbildung und Konfliktbewältigung lehrt. In einem ihrer Seminare reisen die Studenten regelmäßig nach Nordirland, um zu untersuchen, wie Schulen und Kindergärten zur Heilung von Beziehungen in Bezirken beitragen können, die von Gewalt und Konflikten betroffen sind. Sie hat 8 Bücher veröffentlicht, zuletzt Beyond Remote-Controlled Childhood [Jenseits einer ferngesteuerten Kindheit, d. Übers.] (NAEYC). Sie ist Mitbegründerin von Teachers Resisting Unhealthy Children's Entertainment (TRUCE; www.truceteachers.org), das Materialien bereitstellt, um Eltern beim Umgang mit den Medien und der Konsumkultur im Leben ihrer Kinder zu unterstützen, und von Defending the Early Years (www.deyproject.org), die sich für die Förderung angemessener pädagogischer Methoden im frühen Kindesalter einsetzt – in einer Zeit, wo oft nicht altersgerechte Reformen forciert werden.