Organisieren, nachbearbeiten, inspirieren

Überlegungen zur Gestaltung von Funktions- und Gruppenräumen für Babys und Kleinkinder im Hinblick auf die Gehirnentwicklung

Die jüngste Hirnforschung zeigt deutlich, dass viele kritische Aspekte der Gehirnentwicklung während der ersten Lebensjahre eines Kindes stattfinden. Neue Verbindungen im Gehirn bilden sich schnell, wenn Kinder noch sehr jung sind. Im Alter von drei Jahren hat das Gehirn eines Kindes etwa doppelt so viele Synapsen wie ein typisches Gehirn eines Erwachsenen. Die Menge und Organisation der Verbindungen im Gehirn, die durch Erfahrungen in den ersten zehn Lebensjahren aufgebaut wurden, beeinflussen alles von der Schrifterkennung bis hin zur Fähigkeit, komplexe soziale Beziehungen zu handhaben.

Die lebenslangen Auswirkungen der frühen Gehirnentwicklung unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Krippen und Kindergärten dahingehend organisiert werden, dass sie eine gesunde Gehirnentwicklung so weit wie möglich unterstützen. In diesem Artikel werden wir uns speziell mit Ideen zur Gestaltung der Umgebung von Säuglingen und Kleinkindern befassen, die unser Verständnis der Gehirnentwicklung berücksichtigen.

Eine sichere Basis

Die Grundlage für eine optimale, gesunde Gehirnentwicklung ist die Fähigkeit des Kindes, sichere Bindungen zu erwachsenen Bezugspersonen aufzubauen. Wenn sich ein Kind sicher und geborgen fühlt und weiß, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden und dass es die Aufmerksamkeit der Erwachsenen in seinem Leben erreichen kann, kann es seine eigene Aufmerksamkeit auf die Erforschung der Welt um sich herum richten. Mit einer „sicheren Basis“, etwa einem in diesem Sinne responsiven Elternteil oder Erzieher, kann das Gehirn eines Kindes alle Wunder der Welt aufnehmen. Dieses Konzept einer „sicheren Basis“ für das kleine Kind ist nützlich, um über die Gestaltung des Gruppenraums und der Dinge darin nachzudenken. Wichtig ist auch die Idee, dass ein Kind Anregungen über die „Grundbedürfnisse“ hinaus benötigt, sobald diese erfüllt sind.

Eine Erzieherin füttert ein Baby

Die sichere Bindung an erwachsene Bezugspersonen ist die Grundlage einer gesunden Entwicklung des Gehirns

Ein Gruppenraum für Kleinkinder besteht aus mehreren kleineren Aktivitätsbereichen. Berücksichtigen Sie die Organisation der Bereiche einzeln, wie sie definiert oder abgegrenzt sind, und wie sie sich im Hinblick auf das Konzept einer „sicheren Basis“ zu einer Landschaft im Gruppenraum zusammenfügen. Die Gestaltung des Gruppenraums sollte zunächst die Grundbedürfnisse des Kindes unterstützen. Die Unterstützung des multisensorischen Lernens sollte bei der Gestaltung und Einrichtung des Raumes ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Erfahrungen haben Bedeutung, und Kinder werden durch Sinneseindrücke wesentlich „ungefilterter“ beeinflusst als Erwachsene. Sehr kleine Kinder reagieren viel stärker auf visuelle Eindrücke, Gerüche, taktile Erfahrungen, Geräusche und Geschmackserlebnisse.

Ein schöner, gut organisierter und inspirierender Gruppenraum in einer Kita

Die Gestaltung des Gruppen- oder Funktionsraums bildet die Landschaft der „sicheren Basis“ eines Kindes.

Die Bereiche, die die Routineanforderungen des Tages erfüllen, sollten einfach, einheitlich und kindzentriert sein. Schon in jungen Jahren ist es wichtig, das Zugehörigkeitsgefühl des Kindes und seine Fähigkeit, Kompetenzen zu entwickeln, zu fördern.

Willkommensbereiche

Garderoben sollten aus praktischen Gründen in der Nähe des Eingangs sein, möglichst in einem eigenen Bereich. Niedrige Wände oder freistehende Garderoben können kleine Bereiche innerhalb eines Raumes bilden, die für ein paar Kinder mit ihren Eltern groß genug sind, um in aller Ruhe Mäntel und Stiefel auszuziehen. Bei Babys sollte der Garderoben- oder Eingangsbereich an die Bedürfnisse der Eltern angepasst sein. Die Bereitstellung eines Platzes, wo ein Elternteil sich setzen und die Taschen ablegen kann, während sich das Kind orientiert, respektiert die Bedeutung des morgendlichen Abschiednehmens und des Wiedersehens beim Abholen. Denken Sie darüber nach, Orte zu schaffen, wo Begrüßungen, Abschiede und die dazu gehörigen Umarmungen stattfinden können, und wo Eltern mit der pädagogischen Fachkraft darüber sprechen können, wie der Tag gelaufen ist. Fotos oder symbolische Gegenstände am Garderobenplatz des Kindes können das Kind und seine Familie zeigen und verdeutlichen, dass dies sein Platz ist, an den es mit seinen Eltern oder seiner Erzieherin geht. Wenn das Kind etwas älter ist, bewahrt es hier stolz und selbstständig seine eigenen Sachen auf. Haken und Fächer für ältere Kleinkinder sollten auf einer Höhe angebracht werden, wo sie sie selbst erreichen und ihre eigenen Dinge verstauen können.

Wickelbereiche

Wickel- und Toilettenbereiche sind ideal gelegen, wenn eine direkte Sichtlinie zum Gruppenraum existiert, so dass das Kind weiß, wo es sich befindet und die Erzieherin weiterhin sehen kann, was im Raum passiert, während sie mit dem Wechseln von Windeln beschäftigt ist. Wenn Babys und Kleinkinder mobiler und sich ihrer Körperfunktionen mehr bewusst werden, können sie mit ihren Erziehern kommunizieren und eine aktivere Rolle bei der Pflege ihres Körpers einnehmen. Die Planer sollten sich in die Situation des Kindes versetzen, um die Beleuchtung (bitte keine Strahler, die ein auf dem Rücken liegendes Kind blenden) und alle Oberflächen in Reichweite des Kindes (sicher, waschbar und berührbar) zu durchdenken. Während ein Kind beim Windelwechseln den Erwachsenen sehen und sich mit ihm unterhalten können sollte, kann visuelle Stimulation durch einen Spiegel an der Decke oder ein Mobile an der Wand Gelegenheit für Dialog und Interaktion bieten.

Schlafbereiche

Die Notwendigkeit, klare Schlafsignale zu geben, ist für die meisten Frühpädagoginnen wahrscheinlich offensichtlich, weil sie täglich beobachten können, wie Kinder sich beruhigen und einschlafen. Über sensorische Stimulation aus Sicht der Gehirnentwicklung nachzudenken, unterstreicht, wie wichtig die Reizreduzierung in Ruhezeiten ist. Wenn eigene Schlafräume existieren, sollten dort natürlich gedämpftes Licht und sanfte Farben sein. Die Abgrenzung von Spiel- und Ruhezeit ist in diesem Fall klar. Für Betreuer besteht die Herausforderung darin, zu beurteilen, wann das Kind müde ist und zum Ruhen in sein Krippenbett gelegt werden sollte.

Typischerweise benötigen sechs- bis neun Monate alte Kinder zwei Nickerchen am Tag und Zweijährige ein Nickerchen am Nachmittag (durchschnittlich 12–13 Stunden Schlaf pro Tag). Die Anzahl der benötigten Stunden Schlaf pro Tag wird in Abhängigkeit vom Wachstum des Gehirns bestimmt. Für ein gesundes Wachstum braucht das Gehirn Zeit, um sich auszuruhen und Reize während des Schlafes zu verarbeiten. Reizüberflutung bei Kindern ist schädlich für die Entwicklung ihres Gehirns. Kinder, die ohne Rücksicht auf ihre Reizempfindlichkeit ehrgeizigen Lehrplänen ausgesetzt werden, ziehen sich häufiger emotional zurück und verlieren ihr Interesse am Lernen.

Da die meisten Kleinkinder in Bereichen schlafen, die den Rest ihres Kita-Tages über für andere Zwecke verwendet werden, besteht die größte Herausforderung darin, die Stimulation zu reduzieren, die davon ausgeht, dass die Kinder von all dem Spiel- und Lernmaterial umgeben sind, das sich im Raum befindet. Es kann hilfreich sein, den Raum abzudunkeln, und die Erzieherin kann weitere Schlaf- und Entspannungssignale senden, indem sie leise Musik abspielt. Wenn Erzieherinnen mit ruhiger Stimme zu den Kindern darüber sprechen, wie gut es sich anfühlt, sich auszuruhen, den Rücken der Kinder massieren und die Ruhezeit damit verbringen, sich selbst zu entspannen, werden die Kinder besser einschlafen können.

Drei Kinder, die zum Essen um einen Tisch herum sitzen

Die Qualität des Lernens und der sozialen Interaktion, die während der Mahlzeiten stattfinden kann, wird direkt durch die Anordnung der Stühle und Tische beeinflusst.

Essbereiche

Es gibt viele Möglichkeiten während der Snack- und Essenszeiten, Routinen aufzubauen, die das Kind dabei unterstützen, seine Bedürfnisse zu kommunizieren und ihm helfen, aktiv am Kochen, Servieren, Genießen und Aufräumen der Mahlzeit teilzunehmen. Wenn man über diese Möglichkeiten in Bezug auf alle Sinne nachdenkt, fallen einem einige wichtige Vorschläge zur Raumgestaltung ein.

Räume für Kleinstkinder brauchen weiche, gemütliche Plätze, wo die Erzieherinnen es sich mit den Babys bequem machen und sie füttern können. Ein ruhiger Bereich mit einem bequemen Schaukelstuhl, weg von den lauten Ablenkungen anderer Aktivitäten im Raum, ist auch ein Ort, an dem eine Erzieherin sich entspannen und individuell einem Kleinkind zuwenden kann. Ein Sessel in einer Ecke mit einem kleinen Tisch und einer Lampe ist ein gemütlicher Ort, um sich zu entspannen und einfach das Zusammensein zu genießen.

Wenn das Kind älter wird (sechs Monate) und zu fester Nahrung übergeht, kann auch der soziale Aspekt von Mahlzeiten hervorgehoben werden. Alle geruchlichen, geschmacklichen und taktilen Eindrücke, die mit Essen einhergehen, regen sowohl die verbale als auch die nichtverbale Kommunikation an. Kleinkinder lernen gerade kennen, was Freundschaft bedeutet, daher ist es wichtig, die Auswahl und Anordnung von Möbeln auch nach sozialen Gesichtspunkten zu entscheiden. Aus diesem Blickwinkel erscheinen Tisch/Stuhl-Kombinationen, bei denen Kleinkinder gemeinsam an einem Tisch sitzen, besser als Hochstühle. Hochstühle sind so konzipiert, dass Erwachsene eine angenehme Körperhaltung einnehmen können, und es ist natürlich wichtig, dass sich die Erzieher wohlfühlen. Für die Entwicklung der Sozialkompetenz ist es allerdings sehr förderlich, wenn Kinder gemeinsam um einen Tisch sitzen können. Für eine Erzieherin kann ein Stuhl hilfreich sein, der ihr ermöglicht, auf Augenhöhe der Kinder zu sitzen und sich auf sie zu konzentrieren, so dass sie nicht im Stehen Multi-Tasking betreiben muss. Stühle, die am Tisch befestigt sind, um das Kind sicher an Ort und Stelle zu halten, geben dem Erzieher mehr Kontrolle. “Me-do-it” -Stühle, die Kleinkindern beim stabilen Sitzen helfen, aber vom Kind selbst bewegt werden können, geben ihm mehr Freiheit und tragen zu seiner Unabhängigkeit, seiner Kompetenz und seinem Selbstwertgefühl bei.

Auf jeden Fall, frisches Essen anzubieten, das gut riecht, attraktiv und erkennbar ist, macht allen Lust auf Frühstück, Mittagessen und kleine Imbisse zwischendurch! Wenn das Essen wie zu Hause in der Familie serviert wird, lernen Kinder, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sich selbst zu bedienen, sich nicht zu viel zu nehmen und neue Speisen auszuprobieren. Schränke zur Aufbewahrung von Geschirr, die direkt im Raum sind, senden eine klare Botschaft an Kinder, dass häusliche Pflichten Teil des täglichen Lebens sind. Wie die Montessori-Pädagogik erkennt und betont, können selbst sehr kleine Kinder auf jede kleine Aufgabe stolz sein, die sie beim Decken oder Abräumen des Tisches übernehmen können. Und solche Fähigkeiten werden auch zu Hause wirklich geschätzt.

Es ist auch wichtig für Kleinkinder, Beziehungen zu den Leuten in der Küche zu entwickeln. Der Besuch der Küche und die Begegnung mit den Köchen trägt zur Informationsspeicherung und Sprachentwicklung des Kindes bei. Kleinkinder, die eine interessante Erfahrung machen, wie etwa den Besuch einer Großküche, werden sich eher daran erinnern, woher das Essen kommt, und sie werden die Arbeit der Menschen schätzen, die ihre Mahlzeiten zubereiten.

Durchdachte Nachbearbeitung

Ein aufgeräumter und organisierter Raum ist wichtig, um das Interesse der Kinder zu wahren und genau die richtige Menge an Stimulation zu bieten. Um eine Überstimulation zu vermeiden, sollten die Erzieherinnen lernen, den Raum auch nach seiner ursprünglichen Gestaltung ständig „nachzubearbeiten“ und zum Beispiel aktuell nicht benutzte Materialien in den Lagerraum zu stellen. Angemessen große und gut organisierte Lagerräume erleichtern das „Nachbearbeiten“ erheblich. Die pädagogischen Fachkräfte können damit experimentieren, weniger Materialien auf eine durchdachtere Art und Weise anzubieten, um die Voraussetzungen für ein konzentrierteres Spiel zu schaffen. Kinder benötigen weniger Einmischungen von Erwachsenen, wenn das Material vor Spielbeginn „bearbeitet“ wird.

Natürliches Licht ist das grundlegende Werkzeug zur Definition von Räumen und sorgt für das Wohlbefinden von Erwachsenen und Kindern in einem Raum. Denken Sie über die Platzierung der Fenster nach im Hinblick darauf, wie das Licht in den Raum eintritt, weiterhin über den Blick nach draußen, der ein Teil des Raumes wird, und schließlich als ein Werkzeug, um im Innenbereich einen starken Rahmen für Bereiche mit unterschiedlichen Aktivitäten zu schaffen. Gibt es Plätze im Raum, an denen ein Kind ruhig und sicher aus einem Fenster schauen kann, um zu beobachten, wie der Regen herunterprasselt oder die Sonne scheint?

Unterschiedliche Bodenbeläge bieten die Möglichkeit, Arbeitsbereiche zu definieren und sollten mit Bedacht platziert werden. Teppiche können Flächen eingrenzen. Wenn niedrige Regale vorhanden sind, um den Arbeitsbereich an zwei oder drei Seiten zu begrenzen, dann überlegen Sie auch, wie diese Grenze über der Höhe der niedrigen Regale durch hängende Kunstwerke, Pflanzen oder andere transparente Paneele gestaltet werden kann.

Inspiration: Grundlegend für die Entwicklung

Über die Erfüllung der Grundbedürfnisse eines Kleinkindes hinaus bietet ein Gruppen- oder Funktionsraum Möglichkeiten, Spiel, Geheimnis, Staunen und Ehrfurcht zu fördern. Sowohl Erwachsene als auch Kinder genießen es, irgendwo hoch oben zu stehen und auf den ganzen Raum herabzusehen, oder in einem kleinen Raum zu kriechen, sich zu verstecken und aus dem Versteck hervorzuschauen. Um einen Raum zu schaffen, der der ästhetischen Empfindsamkeit eines Kindes gerecht wird, muss man über das Gesamtgefühl des Raumes nachdenken.

Wenn Sie eine Umgebung schaffen, dann treten Sie einen Schritt zurück und schauen Sie sich den Raum an. Wenn er für die pädagogischen Fachkräfte oder für die Eltern durcheinander, chaotisch, unfreundlich und überwältigend erscheint, beeinflusst dies mit Sicherheit die Qualität des Lernens und die Gehirnentwicklung des Kindes. Räume zu planen und zu realisieren, in denen Kinder und Erwachsene Ideen entwickeln, träumen oder sich mit der komplizierten Realität auseinandersetzen können, ist unerlässlich, um gesund leben und denken zu können. Es ist von ebenso grundlegender Bedeutung für die Entwicklung wie Nahrung, Schlaf und Erholung.

Maria Segal ist Co-Direktorin bei Blender Architecture LLC in Chicago.  Ihre Leidenschaft ist die Gestaltung von lebendigen und kindgerechten Umgebungen, in denen Kinder spielen, lernen und wachsen.  Sie arbeitet eng mit Kunden zusammen und wendet ihr Wissen über die Entwicklung von Kindern an, um Designlösungen zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen und einzigartige Aspekte ihres Grundstücks und ihrer Bildungseinrichtung aufgreifen.  In ihrer Arbeit untersucht sie, wie Dimension, Maßstab, Materialien, Farbe und Licht die Interaktionen, Emotionen und Aktivitäten des Kindes beeinflussen.  Maria Segal besuchte das Study Group World Forum in Reggio Emilia, Italien, die Harvard University Graduate School of Design Child Care Design Institute und engagierte sich in der Bewegung, Kinder über das Nature Action Forum und lokale Organisationen in Chicago mit der natürlichen Umwelt vertraut zu machen.  Erfahren Sie mehr über ihre jüngsten Arbeiten unter www.blenderarchitecture.com.

Amy Freshwater promovierte an der University of Missouri in Child Development and Diversity Study. Sie ist Assistenzprofessorin für Kinder- und Familienentwicklung am St. Louis Community College in Meramec. Ihre Forschungsarbeiten und Publikationen befassen sich mit internationalen Lehr- und Bildungspraktiken, Bildungsbiographie, Bildungsplänen und frühpädagogischen Lernzielen sowie dem NAEYC Code of Ethical Conduct.