Das heuristische Spiel

Das heuristische Spiel leitet seinen Namen vom Wort Heuristik ab. Mit diesem Begriff ist der des Entdeckens eng verbunden. Heuristisches Lernen kann auch als entdeckendes Lernen bezeichnet werden. Und genau dies tun kleine Kinder. Sie entdecken die Welt und gelangen dabei zu Wissen.

Die englische Pädagogin Elinor Goldschmied (1910–2009) machte Eltern und Pädagogen Vorschläge für die Unterstützung des Lernens im Kleinkindalter. Sie schlug unter anderem Materialien vor, die Kinder in ihrer Welterkundung unterstützen können und die zugleich vom Erwachsenen leicht einzusetzen sind.

Foto von Zeug zum heuristischem Spiel
Foto © Bananenblau Verlag

Ein Wort zum Unfallschutz

Die Alltagsmaterialien, die im heuristischen Raum zum Einsatz kommen, sind natürlich nicht speziell für Kinder angefertigt. Es handelt sich um Alltagsdinge, welche die sonst für den Einsatz in Krippen notwendigen Prüfverfahren nicht durchlaufen haben. Deshalb können die Materialien auch nur bei kleinen Kindergruppen und unter intensiver Aufsicht der Erzieherin eingesetzt werden. Und es empfiehlt sich immer, in Zweifelsfällen die Fachberatung oder den TÜV zu befragen, ob ein Material zulässig und unbedenklich ist!

 

Der Schatzkorb

Kleinkindern werden, sobald sie in der Lage sind, ohne Unterstützung zu sitzen, verschiedene Alltagsmaterialien in einem Korb angeboten. Diese Materialien entstammen der alltäglichen Umgebung des Kindes und werden in einem Korb zusammengestellt, dem Kind präsentiert. Das Kind kann jetzt Dinge, die es in den Händen der Erwachsenen gesehen hat, untersuchen. Dabei führt das Kind mit den Dingen elementare Spielhandlungen aus, oder versucht Handlungen mit den Dingen nachzuahmen, die es bei Erwachsenen gesehen hat.

Ein kleines Kind erkundet Alltagsgegenstände in einem Schatzkorb
Foto © Bananenblau Verlag

Aus der Beobachtung des Spiels am Schatzkorb oder mit dem heuristischen Material kann die Erzieherin Ableitungen über die Entwicklung der Kinder treffen. Sie kann erkennen, welche Spielhandlung die Kinder gerade häufig ausüben und das Materialangebot im Gruppenraum entsprechend anpassen. Jede Kindergruppe sollte einmal in der Woche das heuristische Spiel erleben dürfen.

 

Folgende Sinne wollen wir bei den Kindern ansprechen - und bieten ihnen

  • für den Tastsinn: Dinge mit glatter und rauer Oberfläche, von unterschiedlichem Gewicht oder mit klarer, einfacher und mit amorpher Form
  • für den Geruchssinn: Dinge aus unterschiedlichsten, ganz verschieden schmeckenden und riechenden Materialien
  • für den Gehörsinn: Dinge, die klingeln, bimmeln, aber auch solche, die poltern, krachen, scheppern
  • für den Sehsinn: Dinge unterschiedlicher Farbe, Form, Helligkeit

Die Hände eines kleinen Kindes befühlen eine Korkscheibe im Rahmen des heuristischen Spiels
Foto © Bananenblau Verlag

Folgende Dinge eignen sich

  • Natürliche Objekte: Tannenzapfen, große Federn, Naturschwamm, große Kieselsteine, Bimssteine, getrockneter Kürbis, Korken, große Kastanien, Zitronen, Äpfel, Walnüsse, Objekte aus Wollballen
  • Objekte aus Holz: kleine Boxen, Holzzylinder, verschiedene Rasseln, Serviettenringe, Wäscheklammern, kleine Holzschüsseln, Würfel, kurze Hölzer, kleine Trommeln, Gardinenringe, Kastagnetten, Spulen, Holzlöffel, Pfannenwender, Bambusflöte, Perlen auf einer Kette, Garnspulen
  • Bürsten: kleine Schuhbürste, Malerbürsten, Zahnbürsten, Holznagelbürste, Rasierpinsel
  • Objekte aus Metall: Löffel (verschiedene Größen), kleiner Schneebesen, Schlüsselbund, kleine Dosen, Glockenbund, Dosendeckel, Metallbecher, lange Ketten aus dem Baumarkt, Zitronenpresse, kleiner Trichter, Schmuckkette, Messingringe, Teesieb, Tee­Ei, geschlossene Dosen gefüllt mit Reis, Bohnen etc., Knoblauchpresse, Trillerpfeife, Flaschenbürste, Metallspiegel, große Metalldosen
  • Objekte aus verschiedenen Materialien: Fellball, kleiner Teddy, Gummirohr, Ledergeldbeutel, kleine Stoffpuppe, kleine Ledertasche mit Reißverschluss, Fensterwischtuch, Tennisball, Golfball, Flummi, farbige Marmoreier, Baumwollband, Haushaltsschwämme, Schlauchstücke aus dem Gastronomiebedarf mit unterschiedlichem Durchmesser, Alufolie
  • Objekte aus Papier, Pappe: kleiner Notizblock, kleine Pappboxen, fettdichtes Papier, Toilettenpapierrollen, Küchentuchrollen
 

Zehn Grundregeln für das heuristische Spiel

  1. Ein leerer Raum hilft, sich auf das Spiel zu konzentrieren: Im Raum befindet sich nichts außer dem heuristischen Material.
  2. Auf dem Boden liegt ein Teppich: Dieser trägt zu einer ruhigen Atmosphäre bei und lädt die Kinder zum weichen Sitzen ein.
  3. Ein komfortabler Erwachsenenstuhl wirkt Wunder: Er bringt Pädagoginnen dazu, das Geschehen entspannt zu beobachten, statt eingreifen zu wollen.
  4. Nutzen wir den ganzen Raum: Je mehr Platz wir haben, desto eher können wir vermeiden, dass die Kinder eng beieinanderhocken müssen und sich behindern oder ablenken.
  5. Bevor es losgeht, verteilt die Erzieherin die Materialien. Keiner muss teilen: Um Konflikte zu vermeiden, befindet sich an jedem Platz die gleiche Auswahl an Objekten, ungefähr 50 Dinge pro Kind.
  6. Der ganze Körper wird benötigt. Deshalb tragen die Kinder bequeme Kleidung und ziehen vor dem Betreten des Raumes Schuhe und Strümpfe aus.
  7. Nicht mehr als fünf Kinder: Zu große Gruppen lenken die Kinder ab und verhindern, dass wir jedes Kind beobachten können.
  8. In der Ruhe liegt die Kraft: Wenn die Kinder den Raum betreten, sitzt die Erzieherin ruhig da. Es gibt keinen Anlass, die Kinder zu dirigieren oder aufzufordern, bestimmte Materialien zu wählen - sie tun es von selbst.
  9. Zwischendurch Ordnung schaffen: Wenn nötig, sollte der Erwachsene das Material unauffällig neu ordnen, sodass die Materialien wieder zum erneuten Spiel einladen.
  10. Jede Sorte Material wird in einer eigenen Tasche aufbewahrt, sodass mindestens je 20 gleiche Dinge in einer Tasche sind. Das erleichtert nicht nur das Auslegen, sondern erlaubt die Beteiligung der Kinder beim Aufräumen, dies dient dann gleichzeitig als gute Sortierübung

 

Der Schatzkorb

Ein wichtiges Spielmaterial für Kleinkinder ab sechs Monaten ist der Schatzkorb. Ein flacher Korb wird mit den unterschiedlichsten Materialien gefüllt: Ringe, Dosen, Lappen, Bürsten, Rohre oder Holzstückchen bilden den Inhalt. Kinder, die sicher sitzen können, werden um den Schatzkorb herumgesetzt und von den Erwachsenen beim Spielen beobachtet. Der Schatzkorb erinnert ein wenig an das Klammerkörbchen, die Knopfschachtel oder eine gut gehütete Schatzkiste, mit der viele heutige Erwachsene in ihrer frühen Kindheit spielen durften. Derlei Alltagsmaterialsammlungen besitzen für das Spiel der kleinen Kinder einen unschätzbaren Wert: Die Fein- und Grobmotorik wird trainiert, die Benutzung von Alltagsdingen und der damit verbundene Sinn dieser Gegenstände werden entschlüsselt. Die Alltagsdinge sprechen alle Sinne an. Mit ihnen lassen sich verschiedene elementare Spielhandlungen ausführen.

Foto eines Schatzkorbes fürs heuristische Spiel
Foto © Bananenblau Verlag

Inhalt des Schatzkorbs

(nach Jackson, Sonia, Ruth Forbes: Kleinkinder. Spielen und Lernen in den ersten drei Lebensjahren. Berlin, 2016)

Dinge, die sich interessant anfühlen:

  • verschiedene Bürsten und Kämme
  • Schwämme
  • eine Zahnbürste
  • ein Wollknäuel
  • Stofffetzen und Luftpolsterfolie
 

Dinge, die interessante Geräusche machen:

  • Innenverpackungen von Pralinenschachteln
  • ein Schlüsselbund
  • eine durchsichtige Dose aus Plastik mit Glitzerpapier im Inneren
  • Dinge, in die man hineinfassen oder etwas hineintun kann:
  • ein Teesieb und eine Zitronenpresse
  • Servietten-und Gardinenringe
  • Dosen oder Schachteln
  • eine leere Geldbörse
  • Toilettenrollen
  • Deckel von Einmachgläsern
 

Dinge, die interessant zu betrachten sind:

  • ein kleiner Spiegel
  • ein Notizblock
 

Der heuristische Raum

In der institutionellen Betreuung ist das Bereitstellen von Alltagsmaterial für die Kinder nicht immer leicht. Es gibt viele Sicherheitsvorschriften, die die Materialauswahl einschränken, denn die Handhabung der Materialien durch die Kinder im Alltag kann schnell im Chaos enden und die richtige Aufbewahrung der Alltagsdinge stellt viele Erwachsene vor Probleme.

Bild eines heuristischen Raumes mit Spielmaterial
Foto © Bananenblau Verlag

Hier ist die Einrichtung eines heuristischen Raumes eine gute Lösung. Man braucht einen Raum, der im Tagesverlauf nicht so stark benutzt wird und der möglichst wenig möbliert ist. Der Schlafraum oder der Bewegungsraum bieten sich hier an. Auf einem Wandboard, welches nur von Erwachsenen zu erreichen ist, werden große, leere Tomatendosen aufbewahrt. Daneben hängen bis zu zwölf Baumwollsäcke an einer Hakenleiste. In den Säcken befinden sich diverse Materialien, jeder Sack enthält nur eine Sorte Material. Er wird von außen mit einem aufgenähten Musterstück des Materials, welches in ihm aufbewahrt wird, gekennzeichnet.

Eine Erzieherin hängt Beutelchen mit heuristischem Material an einer Hakenleiste auf
Foto © Bananenblau Verlag

Das wird gebraucht

  • Gardinenringe aus Holz oder Plastik
  • Ketten aus Plastik oder Metall
  • Schläuche (nahrungsmittelecht)
  • Holzklammern (ohne Federn)
  • Honiglöffel
  • Bürsten (in diversen Größen)
  • Muscheln (möglichst groß)
  • Plastikbecher
 

So geht's

Die Erzieherin breitet in dem leeren Raum eine große weiche Bodenmatte aus. Auf der Matte werden fünf Tomatendosen in regelmäßigen Abständen im Kreis verteilt. Zu jeder Dose kommen die Materialien aus den Säckchen. Es ist wichtig, dass alle Häufchen die gleichen Materialien in möglichst der gleichen Menge enthalten. Fünf Kinder werden in den Raum geführt. Sie sind leicht bekleidet, ohne Schuhe und Strümpfe, und werden jedes für sich vor einen Materialhaufen gesetzt.

Die Erzieherin setzt sich abseits auf einen Stuhl und beobachtet das Spiel der Kinder.

Das tun die Kinder

Die Kinder manipulieren mit den Gegenständen und üben die elementaren Spielhandlungen aus.

Paneel mit drei Bildern von Kleinkindern, die heuristisches Spiel mit Alltagsgegenständen spielen
Fotos © Bananenblau Verlag

Das lernen die Kinder

Die Kinder lernen die Beschaffenheit der Gegenstände kennen, erfahren ihre Handhabung und ihre stofflichen Eigenschaften. Sie spüren die Dinge auf der eigenen Haut. Sie erleben wie die Dinge klingen, wie sie sich stapeln oder zusammenfügen lassen.

Foto eines Kleinkindes, das mit offensichtlicher Freude mit zwei Kunststoffschläuchen spielt
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Portrait von Antje BostelmannAntje Bostelmann ist ausgebildete Erzieherin und bildende Künstlerin. 1990 gründete sie Klax, anfangs als private Malschule und Nachmittagsbetreuung mit künstlerischem Schwerpunkt, heute ein überregionaler Bildungsträger mit Krippen, Kindergärten und Schulen in Deutschland und Schweden. Sie entwickelte die Klax-Pädagogik, ein modernes pädagogisches Konzept, welches das Kind in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit stellt und das allen Einrichtungen von Klax zu Grunde liegt. Sie entwickelt Lern- und Spielmaterialien für die Arbeit in Kindergarten und Krippe und gibt als Referentin bei Kongressen, Workshops und Fortbildungen ihre Erfahrungen und Ideen weiter. Seit 1995 hat sie zahlreiche pädagogische Fachbücher veröffentlicht, darunter viele Bestseller. Antje Bostelmann ist Mutter von drei Kindern und lebt in Berlin.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Das Spiel der Kleinkinder. Frühes Lernen verstehen, begleiten und fördern. Erschienen 2019 bei Bananenblau – Der Praxisverlag für Pädagogen. Text und Bilder dieses Artikels sind © Verlag Bananenblau.

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