Frühförderung ist wichtiger als schulische Förderung

Nobelpreisträger James Heckman zeigt, dass Förderung früh ansetzen muss - eine Aufforderung auch an die deutsche Politik

Frühförderung wichtiger als schulische Förderung

Chancengleichheit kann nicht über schulische Förderung erreicht werden. Schon in den ersten Lebensjahren werden die Weichen gestellt. Wenn hier wichtige Entwicklungsschritte nicht oder nur eingeschränkt stattfinden, kann spätere Förderung kaum noch etwas ausrichten.

Mit dieser provokativen These hat der Nobelpreisträger James Heckman die Verteilung von Geldern angegriffen, die in den USA für Bildung bereitgestellt werden. Der an der Universität Chicago lehrende Wirtschaftswissenschaftler kritisierte jüngst, wie öffentliche Gelder zwischen vorschulischen, schulischen und berufsqualifizierenden Einrichtungen verteilt werden.

„Wenn die Kinder 5 Jahre alt sind, sind die Lücken da – die Schulen ändern daran nichts mehr.“

Wie wichtig diese Thesen auch für die deutsche Bildungsdebatte sind, liegt auf der Hand: Wir stehen vor der gigantischen Herausforderung, bei dem massiven Ausbau der Anzahl von Betreuungsplätzen die Qualität nicht zu vernachlässigen. Heckman selbst betont die wichtige Aufgabe, die die Frühförderung für Westeuropa in einer Zeit hoher Migration hat. Auf dem Spiel steht nicht nur die wirtschaftliche Zukunft eines Landes, sondern auch das soziale Fundament: Von sozialer Gerechtigkeit kann nur gesprochen werden, wenn auch Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen die Chance bekommen, erfolgreich an der Gesellschaft teilzunehmen.

Oft konzentrieren sich Debatten über Chancengleichheit auf schulischen oder universitären Erfolg. Dies allerdings sind Nebenschauplätze. Obwohl in der Schule und später im beruflichen Leben die Schere zwischen Erfolg und Misserfolg deutlich sichtbar auseinandergeht, sind die Ursachen hierfür in der frühen Kindheit zu suchen, so Heckman. Er beruft sich dabei auf Studien, die zeigen, dass die kognitiven Leistungen von Dreijährigen, deren Mütter mindestens eine Fachhochschulabschluss haben, weit über den Leistungen derjenigen Dreijährigen liegen, deren Mütter keinerlei Schulabschluss haben. Das alleine ist weder überraschend noch neu. Dass diese Leistungsunterschiede allerdings im Alter von 18 Jahren unvermindert fortbestehen, gibt zu denken.

Chancengleichheit kommt früh oder gar nicht                           

In den Studien, die er zur Untermauerung seines Arguments heranführt, wurden Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern intensiv gefördert. Die Entwicklung dieser Kinder wurde dann mit der Entwicklung von Kindern aus vergleichbaren Verhältnissen verglichen, die diese Förderung nicht erhalten hatten. Auch heute noch werden die Menschen, die damals als Kinder an diesen Studien teilgenommen haben, in regelmäßigen Abständen befragt. Auf diese Weise zeigt sich, welche langfristigen Auswirkungen eine qualitativ hochwertige frühe Förderung hat. (Besonders bekannt geworden ist hier das Perry Preschool Program, das zur Entwicklung des High/Scope Ansatzes geführt hat.)

Heckman legt dabei seine Betonung auf die Wichtigkeit, spätestens ab dem dritten Lebensjahr intensiv zu fördern. Die Nachteile, die Kindern sonst entstehen, seien später praktisch nicht mehr auszugleichen. Spätere Förderung sei im Vergleich wesentlich teurer und wesentlich weniger effektiv.

Eine Investition, die sich hoch auszahlt

Laut einer OECD-Studie liegen die USA auf Platz 31 von 32 Staaten, wenn es um den Anteil des Bildungshaushalts geht, der in die vorschulische Bildung fließt. Deutschland liegt hier auf Platz 13 – hinter Staaten wie der Tschechischen Republik, Ungarn und Estland. Der Spitzenreiter Tschechische Republik investiert nahezu 40%, Deutschland etwa 28% und die USA gerade einmal 13% ihres Bildungshaushaltes in die vorschulische Bildung.

Dabei ist es für ein Land eine Investition, die sich lohnt wie kaum eine andere: Die jährliche Ertragsrate von Investitionen in vorschulische Bildung liegt bei etwa 14-12% – verglichen mit einer durchschnittlichen Ertragsrate von 7,2% für an der Börse gehandelten Wertpapieren. Je früher die Förderung einsetzt, desto effektiver wirkt sie und desto höher ist damit die Ertragsrate.

Obwohl der Erfolg frühkindlicher Bildung durchaus beziffern lässt, geht er weit über einen reinen Geldgewinn hinaus. Eine erhebliche „Kostenersparnis“ ist das Absinken der Kriminalität und der damit verbundenen Kosten. Wer als kleines Kind Zuwendung erfahren hat und gelernt hat, mit anderen Menschen umzugehen und wer sich Fähigkeiten aneignen konnte, um später einen Beruf auszuüben, der rutscht als Jugendlicher und Erwachsener nicht so leicht in die Kriminalität ab. So muss weniger Steuergeld für Gefängnisse und Strafverfahren ausgegeben werden, stattdessen können Menschen in Freiheit ihren Lebensunterhalt erwirtschaften und zur Gesellschaft beitragen.

Die Gefahr von Heckmans Betrachtungsweise liegt darin, Förderung von Kindern nur als Investitionen zu begreifen – Kinder würden dann zu Dingen gemacht, deren Nützlichkeit bewertet wird. Das wäre entmenschlichend. Vor allen anderen Erwägungen muss stehen, dass wir es den Kindern schuldig sind, uns ihnen aus Liebe zuzuwenden.

Dennoch sind Studien wie das Perry Preschool Program ein wichtiges Argument für Fördermittel – gerade für sozial benachteiligte Kinder.

Quellen

Heckman, James “The Case for Investing in Disadvantaged Young Children” http://www.heckmanequation.org/sites/default/files/Heckman%20Investing%20in%20Young%20Children.pdf

Heckman, James “Schools, Skills and Synapses” http://www.heckmanequation.org/sites/default/files/051409_Heckman_ppt_hires.pdf

Heckman, James et al. “The rate of return to the HighScope Perry Preschool Program” in Journal of Public Economics, Vol 94, 2010, pp.114-128.

Porter, Eduardo „Investments in Education May Be Misdirected” in The New York Times, 2.April 2013 (http://www.nytimes.com/2013/04/03/business/studies-highlight-benefits-of-early-education.html)

Rolnick, Arthur J. & Grunewald, Rob “The Economics of Early Childhood Development as Seen by Two Fed Economists” in Community Investments, Vol 19, Issue 2, 2007.