Gelungenes Gebäudedesign für Kinder im Kita-Alter

Bei unserer Arbeit begegnen wir einigen pädagogischen Fachkräften, die mit den Räumlichkeiten ihrer Einrichtung zufrieden sind, aber auch vielen, die sich über das Gebäude enttäuscht zeigen und die sich wünschten, die Architekten hätten besser verstanden, wie Kinder im Kita-Alter lernen. Kinder sind nicht einfach nur kleine Erwachsene: Sie haben besondere Bedürfnisse und Lernweisen, die von Anfang an berücksichtigt werden müssen und für die sich ihre Umgebung förderlich oder hinderlich erweisen kann. Eine entwicklungsgerechte Umgebung in der Frühpädagogik unterscheidet sich grundlegend von einer Schule. Denn die vertiefte Auseinandersetzung mit der Umgebung findet bei Kindern dieses Alters in der Regel nicht am Tisch oder durch Vorgaben von Lehrpersonen statt, sondern vor allem im freien Spiel am Boden.

Alle Aspekte einer förderlichen Lernumgebung zu erörtern, würde hier den Rahmen sprengen, doch im Mittelpunkt des Lernens, der Entwicklung und des Wohlergehens dieser Kinder stehen immer gut geplante Räumlichkeiten für ihr Spiel. Im Folgenden werden einige der wichtigsten Punkte genannt.

Raumgröße. In der Einrichtung muss sowohl für Kinder und ihre Aktivitäten als auch für das pädagogische Personal sowie teilweise für die Eltern ausreichend Platz zur Verfügung stehen. Dabei bevorzugen Fachkräfte offene Räume gegenüber speziell angefertigten Raumteilern oder außergewöhnlichen Winkeln. Wie viel Platz pro Kind vorhanden sein muss, ist zwar behördlich festgelegt. Hierbei handelt es sich jedoch lediglich um eine Mindestanforderung, die keinesfalls als Sollwert verstanden werden sollte!

In der Regel umfasst eine Kita eine Bauecke, in der die Kinder aus Bausteinen Straßen und Häuser bauen, eine gemütliche Leseecke und einen großen Rollenspielbereich, wo Vater-Mutter-Kind oder Szenen aus der Arztpraxis – oder was sonst gerade die Fantasie der Kinder anregt – nachgespielt werden. Ebenfalls anzuraten sind ein Kreativbereich in der Nähe eines Waschbeckens mit Staffeleien und Tischen sowie mit Regalen zum Aufbewahren von Papier und Bastelmaterial, außerdem ein Forscher- und Entdeckerbereich – vielleicht mit Sand- und Wassertischen und Ausstellmöbeln –, Tische für Puzzles und Schreibübungen, ein Bodenbereich für Musik und Bewegung, ein Essbereich und (für jüngere Kinder) ein Ruhebereich oder Schlafraum. Dies sollte Architekten einen Eindruck davon verschaffen, wie viel Raum benötigt wird!

Form des Raums. In der Architektur geht der Trend weg von rechteckigen Räumen. Dies wirkt sich jedoch nachteilig aus, wenn die Kinder hierdurch wertvollen Raum zum Spielen verlieren. So gewinnen manche Architekten zwar Preise für hochoriginelle runde Gebäude – doch die Kinder haben dabei das Nachsehen. Das Schöne an einem Rechteck sind seine Ecken. Um die Ecken für Aktivitätsbereiche aber frei zu halten, sollten sich alle Türen möglichst in der Mitte einer Wand befinden. Ebenso sollte der Raum möglichst wenige Türen aufweisen, denn Türen rauben Platz und verursachen Durchgangsverkehr. Doppeltüren sollten nur verwendet werden, wenn es gar nicht anders geht.

Flexible Einrichtung. Bei der Raumgestaltung ist besonders darauf zu achten, dass sie immer wieder neu an die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder angepasst werden kann. Nur dann ermöglicht sie, folgenden Aspekten gerecht zu werden:

• Verschiedene Gruppengrößen

• Verschiedene Altersgruppen

• Inklusion

• Mitsprache der Kinder bei der Raumgestaltung

• Neue Präferenzen bei Personalwechsel

• Wechselnde Lernthemen

• Wechselnde Raumfunktionen

Feste installierte Schränke verhindern eine Umgestaltung der Räume und verkleinern den Spielbereich. Dennoch sehen wir häufig Einrichtungskonzepte, in denen große, fest eingebaute Schränke in den Spielbereich hineinragen. Bei einem weiteren ungünstigen Szenario nehmen die Schränke in einem Raum eine ganze Wand ein: Das erschwert die Gestaltung einer kindgerechten Umgebung, denn alle Aktivitäten auf dieser Seite des Raums werden durch den Verkehr zu und von den Schränken gestört. Die meisten Fachkräfte bevorzugen deshalb bewegliche Schränke, die (durch Abschirmung des Durchgangsverkehrs) natürliche Abgrenzungen für die Spielbereiche schaffen und das nötige Material dort bereithalten, wo es verwendet wird. Für die Bauecke bietet sich zum Beispiel eine Abgrenzung aus Regalen mit Bausteinen und Zubehör an.

Doch nicht nur Schränke, sondern auch alle anderen fest eingebauten Elemente schränken die Raumnutzung ein und können sich später als hinderlich erweisen. In einer Kita etwa begegnete mir ein eingesenkter Sandkasten mitten im Raum, was eine unveränderliche Raumaufteilung zur Folge hatte. Weitere Probleme bei der Raumgestaltung entstehen durch integrierte Computerecken und fest eingebaute Garderoben. Sie verhindern, dass das pädagogische Personal bei der Raumaufteilung mitentscheiden kann.

Der Bodenbelag sollte sich ebenfalls an künftige Änderungen der Raumnutzung anpassen können. Einem Teppichboden vorzuziehen sind Vinyl, Linoleum oder sonstige rutschfeste Bodenbeläge, die auf Wunsch auch für nasse oder schmutzintensive Aktivitäten – einschließlich Mahlzeiten – genutzt werden können. Wenn z. B. die Leseecke verlegt werden soll, lässt sich ein loser Teppich schnell am neuen Ort ausrollen. Ich weiß von einem eigens gebauten Early-Excellence-Familienzentrum, das schon nach wenigen Monaten alle Teppiche herausgerissen hat, um stattdessen Vinyl zu verlegen!

Funktionalität des Raums. Der Architekt Robin Bishop erklärt in seinem Artikel „Besseres Design für kleine Kinder“: „Viel wertvoller als vergängliche Wow-Faktoren sind solide Bauqualität und ein Gespür für die Bedürfnisse von kleinen Kindern.“

Gruppenräume sollten direkt mit den Außenspielbereichen verbunden sein – denn Kinder wechseln gerne immer wieder hin und her. Auch die Toiletten und Wickelbereiche müssen von innen und außen gut erreichbar sein. Zur Rückenschonung pädagogischer Fachkräfte empfiehlt sich ein Wickeltisch mit Stufen.

Auch Ausstellungsbereiche für Kinder sind in pädagogischen Einrichtungen unverzichtbar: Wenn Kinder sehen, dass ihr Kunstwerk auf diese Weise in den Fokus rückt, werden sie positiv bestärkt; in der Praxis hat sich zudem gezeigt, dass die visuelle Dokumentation (z. B. Fotos des kreativen Schaffens) kognitive Prozesse der Kinder langfristig stärkt und erweitert. Dadurch werden Wandflächen sehr kostbar.

Fensterglas sollte maßvoll eingesetzt werden. Natürliches Licht wirkt stimulierend und der Blick nach draußen unterstützt den Explorationsdrang der Kinder. Doch zu viele Fensterscheiben erzeugen eine kalte Atmosphäre, verbrauchen wertvolle Wandflächen und geben den Kindern das Gefühl, beobachtet zu werden. Beim Besuch in einer neuen Einrichtung, für die wir die Möblierung übernehmen wollten, stellten wir sehr enttäuscht fest, dass die Außenwände fast ausschließlich aus Glas bestanden – durchaus angebracht für einen Bürokomplex, aber kaum geeignet für Kinder. Die Umgebung hallte laut, und für das Personal war es so gut wie unmöglich, gemütliche Ecken einzurichten oder die Kunstwerke der Kinder an die Wand zu hängen. In einer anderen Einrichtung erklärte mir die Leiterin, dass die Kinder sich im Winter nie in der Nähe der Doppeltüren, die eine ganze Seite des Raums einnahmen, aufhielten. Denn auf dem Boden, wo die Kinder am liebsten spielten, wäre es dafür einfach zu kalt.

Eine Terrasse oder ein überdachter Spielbereich im Freien ist unverzichtbar, um bei jedem Wetter grobmotorische Aktivitäten zu fördern. Hierdurch wird eine Verbindung oder ein Übergang zwischen dem Außen- und Innenspielbereich geschaffen. (Sie ersetzen deshalb allerdings keinen Garten, der noch anderen Zwecken dient.) Der schweizerische Entwicklungspsychologe Jean Piaget bezeichnete Bewegung als Grundlage für jedes kognitive Lernen. Kleine Kinder brauchen Plätze, wo sie Lärm machen und sich aktiv bewegen können.

Kinder benötigen Sicherheit und Abenteuer. Sie brauchen Anregung und Ruhe. Kinder verfügen auf körperlicher, geistiger und emotionaler Ebene über eine enorme Schaffenskraft, der Raum gelassen werden muss. Architekten wie pädagogischen Fachkräften kommt deshalb die Herausforderung zu, Umgebungen zu schaffen, in der sich all diese Aspekte auf positive Weise miteinander verbinden. Zeit für die sorgfältige Planung eines entwicklungs- und altersgerechten Raums aufzuwenden, lohnt sich, denn wie Maria Montessori sagte: „Erwachsene bewundern ihre Umgebung, können sich an sie erinnern und darüber nachdenken – doch ein Kind absorbiert sie. Es erinnert sich nicht nur an das, was es sieht, sondern es wird zum Teil seiner Seele.“

Bibliographie:

Bishop, R. (2004), „Better Design for Young Children“, Early Education, British Association for Early Childhood Education

Community Playthings (2002), „Spaces – Room Layout for Early Childhood Education“ (auch auf Deutsch erhältlich)

Community Playthings (2005), „Creating Places for Birth to Threes – Room Layout and Equipment“

DfES (britisches Bildungsministerium), „Building for Sure Start: Integrated Provision for Under-Fives“

Dudek, M. (2001), „Building for Young Children“, National Early Years Network

Nachdruck mit Erlaubnis des National Children’s Bureau. Kopien erhältlich vom National Children’s Bureau unter +44 207 843 6029.

Greenman, J. (1988), „Caring Spaces, Learning Places: Children’s Environments that Work“, Exchange Press Inc.

Olds, A. (2000), „Child Care Design Guide“, McGraw-Hill

Ryan, P. „Your Montessori Child“, London: Montessori International

www.communityplaythings.de

www.eleuk.com

 

Der Architekt Robin Bishop (MA Dip Arch RIBA) ist Direktor von Effective Learning Environments (ELE), einer spezialisierten Designberatung für den Bildungsbereich, die an zahlreichen Projekten für Kindertagesstätten beteiligt war und die „Sure-Start“-Abteilung des britischen Bildungsministeriums (DfES) über die Gestaltung von Early Excellence Zentren (Familienzentren) beraten hat.

 

Martin Rimes gehört zum Raumgestaltungsteam von Community Playthings und hat mit zahlreichen Fachkräften an der Entwicklung von Raumplänen für Einrichtungen zusammengearbeitet.

 

Die englische Orignialfassung dieses hier auf Deutsch übersetzten und leicht gekürzten Artikels erschien erstmals im Frühjahr 2006 in der Fachzeitschrift „Early Education“.

So verbindet man Regale und Paneele